Mehrfach hatten die Engländer darum ersucht, den weltberühmten Bildteppich vorübergehend als Leihgabe zu erhalten, etwa zur Krönung von Queen Elizabeth II. 1953 und zum 900. Jahrestag der Schlacht von Hastings – stets vergeblich. Seit 2018 gab es endlich konkrete Pläne – und am 10. Juli 2026 war es endlich so weit: Der Teppich von Bayeux ist erstmals seit knapp 1000 Jahren wieder in England.
Eine Geschichte aus 45 Kilogramm Wolle
Die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstandene Stickarbeit ist streng genommen kein Teppich. Es handelt sich vielmehr um neun miteinander vernähte Leinentuchstreifen mit einer Höhe von 45,7 bis 53,6 Zentimetern und einer Länge von insgesamt 68,38 Metern. 58 Szenen zeigen die Eroberung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm den Eroberer. Sie beginnen mit dem Zusammentreffen von König Edward und seinem Nachfolger Harald Godwinson (Harald II.) und enden mit der Schlacht von Hastings am 14. Oktober 1066, dem Sieg des normannischen Heers unter Wilhelm dem Eroberer über die Angelsachsen unter König Harald II. An dieser Stelle ist der Teppich gerissen, sodass die Schlussszenen (vermutlich die Krönung Wilhelms des Eroberers) fehlen.
45 Kilogramm Wolle wurden für die Darstellung von insgesamt 623 Menschen, 994 Tieren, 438 Pflanzen, 37 Gebäuden sowie 41 Schiffen und Booten verwendet.[1] Die Szenen geben Einblick in das mittelalterliche Leben wie z. B. Kampfweise und -ausrüstung, Schiffsbau oder das Münz- und Geldwesen. Der Teppich zeigt übrigens die erste bekannte bildliche Darstellung des Kometen Halley.
Nach Ansicht vieler Wissenschaftler dürfte der Bildteppich vor 1082 in Südengland angefertigt worden sein. Manche plädieren für einen Herstellungsort in Frankreich. Da die Darstellung der Ereignisse neutral gehalten ist, kann das Geschehen sowohl aus Sicht der Normannen als auch der Angelsachsen interpretiert werden.
Als mögliche Auftraggeber kommen drei Personen in Betracht: Bischof Odo von Bayeux, Halbbruder Wilhelms und Teilnehmer des Feldzugs; ebenso wie zweitens der französische Graf Eustachius von Boulogne. Er legte sich später militärisch erfolglos mit Bischof Odo an – und beauftragte den Teppich möglicherweise als Versöhnungsgeschenk. Und drittens die Schwester des besiegten Königs Harald II. und Witwe des König Edwards, Edith von Wessex. Der normannische Sieger Wilhelm enteignete zwar den Grossteil des angelsächsischen Adels, verschonte jedoch ausgerechnet Edith. Möglich, dass die Hochgebildete im Gegenzug durch die gestickte Geschichtsinterpretation propagandawirksam Wilhelms Herrschaftsanspruch anerkannte.
Einig ist man sich darin, dass der Wandteppich in einer Werkstatt gefertigt wurde und mehrere Personen beteiligt waren. Darauf weist z. B. die unterschiedliche Schreibweise von Namen hin.
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