Eine Szene auf dem Wandteppich von Bayeux: Berittene Normannen greifen die angelsächsische Infanterie an.

Hintergrundbericht

Wand­tep­pich von Bayeux nach 1000 Jah­ren wie­der in England

Erst­mals seit knapp einem Jahr­tau­send ist der berühmte Tep­pich von Bayeux nach Eng­land zurück­ge­kehrt. Ab Sep­tem­ber ist die Leih­gabe aus Frank­reich in Lon­don zu sehen – als «Juwel der gemein­sa­men Geschichte».

Mehrfach hatten die Engländer darum ersucht, den weltberühmten Bildteppich vorübergehend als Leihgabe zu erhalten, etwa zur Krönung von Queen Elizabeth II. 1953 und zum 900. Jahrestag der Schlacht von Hastings – stets vergeblich. Seit 2018 gab es endlich konkrete Pläne – und am 10. Juli 2026 war es endlich so weit: Der Teppich von Bayeux ist erstmals seit knapp 1000 Jahren wieder in England.

Eine Geschichte aus 45 Kilogramm Wolle
Die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstandene Stickarbeit ist streng genommen kein Teppich. Es handelt sich vielmehr um neun miteinander vernähte Leinentuchstreifen mit einer Höhe von 45,7 bis 53,6 Zentimetern und einer Länge von insgesamt 68,38 Metern. 58 Szenen zeigen die Eroberung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm den Eroberer. Sie beginnen mit dem Zusammentreffen von König Edward und seinem Nachfolger Harald Godwinson (Harald II.) und enden mit der Schlacht von Hastings am 14. Oktober 1066, dem Sieg des normannischen Heers unter Wilhelm dem Eroberer über die Angelsachsen unter König Harald II. An dieser Stelle ist der Teppich gerissen, sodass die Schlussszenen (vermutlich die Krönung Wilhelms des Eroberers) fehlen.

45 Kilogramm Wolle wurden für die Darstellung von insgesamt 623 Menschen, 994 Tieren, 438 Pflanzen, 37 Gebäuden sowie 41 Schiffen und Booten verwendet.[1] Die Szenen geben Einblick in das mittelalterliche Leben wie z. B. Kampfweise und -ausrüstung, Schiffsbau oder das Münz- und Geldwesen. Der Teppich zeigt übrigens die erste bekannte bildliche Darstellung des Kometen Halley.

Nach Ansicht vieler Wissenschaftler dürfte der Bildteppich vor 1082 in Südengland angefertigt worden sein. Manche plädieren für einen Herstellungsort in Frankreich. Da die Darstellung der Ereignisse neutral gehalten ist, kann das Geschehen sowohl aus Sicht der Normannen als auch der Angelsachsen interpretiert werden.

Als mögliche Auftraggeber kommen drei Personen in Betracht: Bischof Odo von Bayeux, Halbbruder Wilhelms und Teilnehmer des Feldzugs; ebenso wie zweitens der französische Graf Eustachius von Boulogne. Er legte sich später militärisch erfolglos mit Bischof Odo an – und beauftragte den Teppich möglicherweise als Versöhnungsgeschenk. Und drittens die Schwester des besiegten Königs Harald II. und Witwe des König Edwards, Edith von Wessex. Der normannische Sieger Wilhelm enteignete zwar den Grossteil des angelsächsischen Adels, verschonte jedoch ausgerechnet Edith. Möglich, dass die Hochgebildete im Gegenzug durch die gestickte Geschichtsinterpretation propagandawirksam Wilhelms Herrschaftsanspruch anerkannte.

Einig ist man sich darin, dass der Wandteppich in einer Werkstatt gefertigt wurde und mehrere Personen beteiligt waren. Darauf weist z. B. die unterschiedliche Schreibweise von Namen hin.
 


Versuchter Missbrauch durch Napoléon und die Nazis
Der älteste Hinweis auf den Teppich von Bayeux findet sich in einem Verzeichnis der Kathedrale Notre-Dame de Bayeux. Ein Eintrag aus dem Jahr 1476 erwähnt, dass der Teppich jährlich im Kirchenschiff aufgehängt worden sei.

In der Französischen Revolution verhinderte nur das Eingreifen des Stadtrats Lambert Léonard-Leforestier, dass das unersetzliche Kunstwerk 1792 als gewöhnliche Wagenplane für einen Militärtransport endete. Zwei Jahre später bewahrte eine Kunstkommission den Bildteppich davor, in Stücke zerschnitten und als Dekoration für einen Festtag benutzt zu werden.

1803 liess Napoléon den Teppich als Propagandamaterial für seinen geplanten England-Feldzug nach Paris bringen. Zwar kehrte das Kunstwerk kurz darauf nach Bayeux zurück, erlitt jedoch Schäden durch falsche Lagerung.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Wandteppich von den NS-Besatzern erneut ideologisch missbraucht und abgeführt – diesmal, um eine angebliche kämpferische und rassische Überlegenheit nordisch-arischer Völker zu belegen. Auf SS-Irrwegen gelangte er erneut in den Pariser Louvre und 1945 wieder zurück nach Bayeux. Diese unfreiwilligen Reisen hinterliessen ihre Spuren: 24 204 Flecken, 16 445 Falten, 30 Risse sowie 9646 Lücken sind dokumentiert.

Seit 1983 wird der Wandteppich im eigens für ihn konstruierten «Centre Guillaume le Conquérant» in Bayeux ausgestellt. Während dieses renoviert wird, kehrt das Kunstwerk, das seit 2007 UNESCO-Weltkulturerbe ist, für ein Jahr nach England zurück.

Verst(r)ickte Geschichte
«Das ist das erste Mal, dass dieser nationale Schatz französischen Boden verlassen wird», sagte Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron vor einem Jahr bei der Bekanntgabe der Ausleihe. Dies verdeutliche «eine noch nie da gewesene kulturelle Partnerschaft» beider Länder. Und weiter: Der Wandteppich sei «ein ikonisches Juwel unserer gemeinsamen Geschichte».

Diese Geschichte war allerdings alles andere als friedlich. Auch als König von England blieb Wilhelm ein Vasall des französischen Königs, denn die Normandie, deren Herzog Wilhelm war, war ihm von der französischen Krone als Lehen gegeben worden. Diese Situation führte später zu verschiedenen militärischen Auseinandersetzungen, die heute als «Hundertjähriger Krieg» (1337–1453) bezeichnet werden. Die Rivalitäten zwischen den beiden Ländern blieben bestehen: es ging um die Vormacht auf den Meeren, in den Kolonien usw. Selbst der Brexit – der Austritt Grossbritanniens aus der EU – wurde von manchen als Reaktion auf die Schlacht von Hastings gesehen und sollte die erlittene Niederlage ausmerzen.

Doch jetzt kehrt der Teppich von Bayeux nach England zurück – zumindest vorübergehend wurde so ein Band zwischen England und Frankeich enger geknüpft.
 

Der Teppich von Bayeux in voller Länge Link

Der Wandteppich von Bayeux ist vom 10. September 2026 bis Juli 2027 im British Museum in London ausgestellt.

 


[1] Die Quellen nennen unterschiedliche Zahlen.

 


KNA/Redaktion


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