(Bild zVg).

Weltkirche

Warum «The Ame­ri­can» Euge­nio Corecco ein Frosch im Teich war

Der frü­here Bischof von Lugano, Euge­nio Corecco (1931 – 1995), hat als inter­na­tio­nal renom­mier­ter Kano­nist das Kir­chen­recht nach­hal­tig geprägt und Begriffe wie Lai­en­rechte, Syn­oda­li­tät und Com­mu­nio theo­lo­gisch inte­griert. Die von ihm gegrün­dete Theo­lo­gi­sche Fakul­tät Lugano hat ihm zum 30. Todes­tag ein inter­na­tio­na­les Sym­po­sium gewid­met – mit hoch­ka­rä­ti­gen Refe­ren­ten aus der gan­zen Welt. Das Sym­po­sium wurde vom Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds (SNF) finanziert.

Vom 4. bis 6. Dezember 2025 referierten in Lugano Spezialisten aus Nordamerika, Afrika, Asien und Europa über Denken, Rechtstheorie und weltweite Rezeption des – sagen wir es ruhig einmal aus weiblicher Sicht – Schönlings aus der Leventina, der Professor und von 1986 bis 1995 Bischof von Lugano war. Marco Lamanna, Inhaber des Corecco-Lehrstuhls an der FTL und Spezialist für die Ontologisierung von Glaube und Theologie sowie für die nordamerikanische Rezeption, wählte den Titel «The American Eugenio Corecco». Wie auch Rektor René Roux betonte, finden seit den 1980er-Jahren seine Schriften in den USA grosse Aufmerksamkeit und werden heute mehrheitlich auf Englisch gelesen, was seine zunehmende internationale Bedeutung beweist.

Coreccos frühe Faszination für die USA entsprang seiner eigenen Familiengeschichte, wie die Historikerin Antonietta Moretti, die Philosophin Ida Soldini und der Kanoniker Arturo Cattaneo in ihren Eingangsreferaten betonten. Seine unmittelbaren Vorfahren waren nach Nevada und Kalifornien ausgewandert. Amerika wurde für ihn früh zu einem biografischen, später zu einem theologischen Bezugspunkt. Seine Dissertation über die Rolle der Laien in der Kirche Amerikas, entstanden noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, antizipierte Themen, die für die kirchlichen Reformen der 1960er-Jahre zentral wurden.

1978 reiste Corecco erstmals selbst in die USA. Die dortige Kirche beeindruckte ihn nachhaltig: Trotz schwieriger sozialer und finanzieller Verhältnisse hatten Einwanderer eine lebendige, eigenständige und erstaunlich geeinte katholische Gemeinschaft aufgebaut. Die Erfahrung, wie Laien und Klerus in den sogenannten Trustees (Verwaltungsorgane der Pfarreien) gemeinsam Verantwortung übernahmen, bestätigte ihn in der Überzeugung, dass sich die konziliare Gestalt der Kirche in erster Linie lokal verwirklicht – allerdings stets in Einheit mit der Gesamtkirche.

Auch seine Analysen zur Schweiz trug dieser transatlantische Blick. Corecco warnte vor einer «Protestantisierung», also vor der Orientierung kirchlicher Gremien an politischen Strukturen. In Übereinstimmung mit seinem Mentor, dem grossen Kirchenrechtler Klaus Mörsdorf, lagen für ihn die Quellen des Rechts in den Sakramenten, durch die Gott in die Geschichte eintritt. Gleichzeitig verteidigte er die demokratische Kultur der Schweiz als historisch gewachsen und nicht ideologisch. Deshalb forderte er von Rom, die Mitbestimmung der Schweizer Gläubigen bei der Ernennung von Bischöfen anzuerkennen.

Im Zentrum seines kirchenrechtlichen Denkens stand das Konzept der Communio. Für Corecco war die Kirche kein perfekter juristischer Bau, sondern ein lebendiger Organismus, getragen von Eucharistie, Charismen und gemeinsam gelebtem Glauben. Recht verstand er als Dienst an der Offenbarung, nicht als technische Ordnung. Zu der sakramentalen Ontologie des Rechts und dem Verständnis von Kirche als mystischer, nicht primär juristischer Leib referierte auch Irina Borschtsch. Die junge orthodoxe Theologin und Kirchenrechtlerin aus Russland, die seit einigen Jahren in Europa forscht und publiziert, insbesondere zu Fragen der Synodalität, der kirchlichen Identität und der Rezeption westlicher kanonistischer Theorien, sieht in Corecco eine der seltenen Brückenfiguren zwischen der katholischen Kanonistik und dem orthodoxen Kirchenrechtsdenken.

Aber Corecco hatte nicht nur Freunde. In seinem Beitrag bezog sich der italienische und in Boston lehrende Kirchenrechtler Andrea Ponzone auf die Kritik des bekannten Jesuiten Ladislas Örsy. Dieser hatte 1983 zentrale Elemente des neuen Codex und damit Coreccos kritisiert. Ponzone zeigte, dass Corecco die Kritik Örsys keineswegs als Angriff verstand, sondern als produktive Reibung und Motor für theologische Klärung und kirchliche Erneuerung.

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit offenbarte sich Coreccos Persönlichkeit auch in seinen Leidenschaften: Er liebte klassische Western – John Ford, Gary Cooper, John Wayne – weil sie Freundschaft, Mut und klare moralische Energie in Szene setzen. Diese ästhetische Einfachheit und existenzielle Weite sah er auch in der Entstehung der katholischen Kirche in Amerika. Freiheit war für ihn kein abstrakter Begriff, sondern Ausdruck der Würde jeder Person und theologischer Kern kirchlichen Lebens.

Als Bischof von Lugano lebte er diese innere Dynamik. Er suchte Nähe zu Arbeitern, Studierenden und Migranten; er reiste zu ausgewanderten Tessinern nach Amerika und feierte Gottesdienste an Orten, an denen sonst kaum ein Bischof auftauchte. Corecco lebte, was er lehrte: dass sich die Kirche stets neu aus der Erfahrung ihrer Glieder formt – mutig, frei und getragen von einem tiefen Sinn für das Menschliche.

Der philippinische Metropolit-Erzbischof Midyphil B. Billones stiess auf Corecco, als er nach Antworten auf die Krise der Kirche suchte. Kirche sei als Leib Christi zu verstehen, Synodalität in erster Linie als Gemeinschaft mit Gott in der Eucharistie, und wesentlich seien die Charismen, die Gabe des Heiligen Geistes. Um die Wirkung Coreccos zu verdeutlichen, griff Billones zu einem Haiku von Matsuo Bashō: ein stiller Teich, ein Frosch, der hineinspringt – plop –, und die Stille, die sich neu ordnet. So habe Corecco mit seinen Ideen die Kirche bewegt.

Eine weitere interessante Stimme in Lugano war die des US-amerikanischen Franziskaners John J. Coughlin, der in Dubai an der New York University Abu Dhabi (NYUAD) u.a. Kirchenrecht lehrt, und der daran erinnerte, dass das Kirchenrecht den Gläubigen das Recht garantiert, am Leben der Kirche teilzunehmen. Die Hierarchie stehe im Dienst des Volkes Gottes. Vor dem Zweiten Vatikanum habe sich das Recht fast ausschliesslich mit Klerikern befasst; erst die konziliare Communio-Theologie habe die Gläubigen in den Mittelpunkt gerückt.

Coreccos Communio-Begriff wiederum speiste sich wesentlich aus der Theologie des französischen Jesuiten Henri de Lubac, wie die in Houston lehrende vietnamesische Dominikanerin Chau (Theresa Marie) Nguyen ausführte.

So wurde im Verlauf des Symposiums sichtbar, wie weit der Sprung des «Frosches aus der Leventina» wirklich reichte: über Kontinente hinweg in die Reformdebatten der Weltkirche.


Kathrin Benz

Kathrin Benz, Jahrgang 1963, gehört durch ihre Nidwaldner Mutter zu den zahlreichen Nachkommen des Niklaus von Flüe. Aufgewachsen in Basel, studierte sie in Genf und Brüssel und war Korrespondentin der Schweizerischen Depeschenagentur in Lugano. Heute ist sie freischaffende Übersetzerin und Journalistin und lebt mit ihrem Mann und den sechs Kindern im Tessin.


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