Neben den politischen und praktischen Herausforderungen sind es jedoch vor allem die theologischen Fragen, die sich hier zuspitzen. Die Christen befinden sich stärker mit den Philosophen in Auseinandersetzung als mit den paganen Religionen. Dies kann als Spur dazu dienen, wieso der zentrale Begriff des im Konzil verfassten Glaubensbekenntnisses «homoousios» (wesensgleich) kein biblischer, sondern ein philosophischer Begriff ist. Die Christen sind keine kleine Sekte, die nach innen gekehrt ihr Weltbild pflegt. Sie nehmen die biblische Mahnung im 1. Petrusbrief 3,15 ernst: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.» Philosophische Angriffe von aussen, aber auch innere Probleme rufen nach einer Stellungnahme. Es hat sich gezeigt, dass sich die Heilige Schrift offenbar nicht selbst auslegt. Denn gerade die von der Kirche verurteilten Häretiker berufen sich bevorzugt auf die Bibel. Wir sehen das bei Nestorius, später bei Luther, noch heute bei allen möglichen christlichen Sekten und wir sehen es bei Arius, einem der Hauptfiguren in diesem kirchengeschichtlichen Drama.
Das Christentum war und wird in den Augen der Welt immer ein Ärgernis sein. Das ist ihm wesenhaft engeschrieben. Das Ungeheuerliche daran, dass Gott Mensch wurde, kann sich nicht einfach in ein menschliches System einfügen. Dieses offenbarte Faktum sprengt jedes irdische System und kann nur demütig angenommen werden. Der Mensch hat weder das Recht noch die Macht, sich die Offenbarung untertan zu machen. Wir sehen nun durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder den Versuch, die Orthodoxie zu verlassen, um das Mysterium in die eine oder andere Richtung zu entschärfen. Die Doketisten beispielsweise betonen die Göttlichkeit Christi gegen die Menschlichkeit. Andere umspinnen diese geerdete, klare Erscheinung Gottes mit konfusen Mythen und ausufernden kosmischen Systemen. Der ewige, allmächtige Gott in Gestalt eines einfachen Menschen – das ist vielen, bei aller Anziehungskraft, letztlich unerträglich. Eine der gefährlichsten und verlockendsten Häresien ist der Arianismus, dem das Erste Konzil von Nizäa eine radikale Abfuhr erteilt hat, die jedoch weiterhin die Christenheit heimsuchte und es bis heute immer wieder tut. Der Arianismus geht auf den Priester Arius von Alexandrien (256–336) zurück. Gemäss einer Legende wurde der heilige Nikolaus durch dessen Ausführungen während des Konzils so erzürnt, dass er dem Arius eine Ohrfeige verpasste. Das schien Kaiser Konstantin nun doch zu weit zu gehen. Um für Ordnung auf dem Konzil zu sorgen, liess er Nikolaus in das Gefängnis werfen. Ihm wurden die bischöflichen Gewänder abgenommen und die Wächter im Gefängnis versengten ihm mit einer Fackel seinen üppigen Bart. In der Nacht träumte Nikolaus nun, dass ihm das Evangelium als Zeichen des Lehramtes und die Stola als Zeichen des Priestertums überreicht werden. Als er am nächsten Morgen schmutzig, in einfachen Kleidern und mit versengtem Bart die Messe feierte, erschienen sogleich Christus und Maria höchstpersönlich und bekleideten ihn feierlich mit seiner bischöflichen Gewandung und wundersamerweise war sein Bart wiederhergestellt. Wir sehen also, dass eine wohlplatzierte, gut begründete Ohrfeige durchaus im Sinne des Herrn und der heiligen Muttergottes sein kann. Und wir sollten uns an dieser Stelle daran erinnern, dass eine Legende keineswegs behauptet, dass etwas tatsächlich geschah oder nicht geschah, sondern (lat. legenda) dass sie zu lesen, dass sie lesenswert ist.
Und so fragen wir uns: Weshalb hat sich Arius am Konzil eine heilige Ohrfeige eingehandelt? Es ging um nichts weniger als die Frage, wer Jesus Christus als Sohn Gottes nun tatsächlich ist. Ist Gottes Sohn dem Vater gleich – oder steht er unter Gottvater? An dieser scheinbaren Detailfrage entscheidet sich das ganze Heilsgeschehen. Arius – und das ist das gefährliche daran – lieferte nun eine überaus elegante, rationale, einleuchtende Erklärung. Der Sohn sei nicht gleichen Wesens mit dem Vater, also nicht Gott. Denn das würde den Monotheismus gefährden. Sondern er sei einfach das höchste und auch einzigartige Geschöpf Gottes. Es habe eine Zeit gegeben, in der der Logos, der Sohn, noch nicht existiert habe. Gott habe diesen erst als untergeordnetes Geschöpf erschaffen müssen. Was Arius hier, philosophisch und biblisch durchaus klug hergeleitet, kreiert, ist eine antitrinitarische Theologie, womit fast unbemerkt der Inkarnation jegliche Kraft entzogen wird. Alles ist ordentlich aufgeteilt. Gott bleibt Gott. Schöpfung bleibt Schöpfung. Alles feinsäuberlich getrennt. Bezeichnenderweise hatten die politisch Mächtigen stets eine Tendenz zum Arianismus. Der wahrhaft in Jesus von Nazareth Mensch Gewordene stört die irdische Macht. Wie wohltuend ist da der Arianismus, der für klare Verhältnisse sorgt! Die Häresie kommt also nicht in Gestalt von Unsinn oder Böswilligkeit daher, sondern als kluge, durchaus fromme, nachvollziehbare Lösung eines theologischen Problems. Das sollte uns auch heute noch aufhorchen lassen. Wie viel kommt auch heute noch als gesund, klug und zeitgemäss daher, ist in Wahrheit doch nichts anderes als eine der altbekannten Häresien aus den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte. Wiederum war es Chesterton, der sagte, dass die meisten modisch neuen Ideen nichts anderes sind als die ewig gleichen alten Irrtümer.
Und so hat die Kirche in dieser theologischen Anfechtung einen Pfeiler des Glaubens errichtet, der bis heute trägt. Wir beten die Worte der Konzilsväter – ergänzt im Konzil von Konstantinopel – im Glaubensbekenntnis bis heute. So möchte ich Sie einladen, gemeinsam mit mir die Worte zu lesen, welche die Konzilsväter damals verfasst haben:
«Wir glauben an einen Gott, Vater, Allherrscher, Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren; und an einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, geboren aus dem Vater als Einziggeborener, das heisst aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, geboren, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater, durch den alles geworden ist im Himmel und der Erde, er der wegen uns Menschen und um unseres Heiles willen herabgekommen ist, Fleisch wurde und Mensch, gelitten hat und auferstanden ist am dritten Tage, aufgestiegen ist in die Himmel und kommt, zu richten Lebende und Tote; und an den heiligen Geist.
Welche aber sagen: ‹Es war einst, da er nicht war›, und: ‹Bevor er geboren wurde, war er nicht›, und er sei aus nicht Seiendem geworden oder aus einer anderen Hypostase oder einem anderen Wesen, und behaupten, der Sohn Gottes sei entweder geschaffen oder verändert oder verwandelt, diese belegt die katholische und apostolische Kirche mit dem Anathem.»[1]
Die Ohrfeige des heiligen Nikolaus mag Legende sein, diese, von den Konzilsvätern ausgeteilte, ist ein historischer Fakt und sie hallt durch die Jahrhunderte hindurch bis zu uns nach. Vielen Dank!
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