Jesuskind der Ammler Krippe in Amden © swiss-cath.ch

Kirche Schweiz

Was einem Pfar­rer in der Weih­nachts­zeit zu den­ken gab

Beson­ders, wenn wir eines der gros­sen Feste in der Kir­che fei­ern und wir jeweils in der Sakris­tei bis zum Ein­zug war­ten, stelle ich den Minis­tran­ten manch­mal eine Frage über das Fest oder über ein Detail der Liturgie.

Manchmal fragen auch sie mich: «Ist heute alles normal?» Dann kommt jeweils meine Standardantwort: «Wir feiern in der Kirche immer normal, ich habe noch nie etwas Abnormales gefeiert!»

Manchmal überraschen mich die Kinder mit ihren Antworten. Einmal hatte ich Zwillinge im Ministrantendienst, zwei Mädchen, die einander zum Verwechseln ähnlich waren. Sie hatten bei mir noch die 3. Klasse im Religionsunterricht besucht. Im folgenden Schuljahr wechselten sie in eine Kleinklasse in ein anderes Dorf. Daher fragte ich sie: «Wie geht es euch mit euren neuen Mitschülern?» «Wir haben keine Mitschüler!», antworteten die beiden. Ich entgegnete überrascht: «Das gibt es doch nicht, Ihr beide seid allein eine Klasse?» «Nein», erklärten sie, «die anderen sind alle Buben!» Diese zählten also nicht, wenigstens vorläufig, denn inzwischen befinden sich die besagten Zwillinge im heiratsfähigen Alter.

Die verblüffendste Antwort auf eine meiner Fragen, habe ich vor etwa zwei Jahren in der Weihnachtszeit bekommen. Wir feierten das Fest der Heiligen Familie. Die Pfarrkirche war wie immer reichhaltig geschmückt, etwas abgedunkelt, sodass die beleuchtete Krippe besser zur Geltung kam. Wir hatten eine idyllische Weihnachtsstimmung, könnte man sagen. Die beiden Ministranten, ein Junge und ein Mädchen, standen bereit zum Einzug. «Habt ihr auch die Krippe angeschaut?», fragte ich die beiden. Sie nickten. Ich hatte gerade noch genug Zeit, um eine weitere Frage zu platzieren. Ich fragte sie also aus einer Laune heraus: «Ist das Christkind weiblich oder männlich?» Der Junge, der schon etwas älter war, antwortete sofort: «Männlich!», was ich zufrieden zur Kenntnis nahm. Das Mädchen hingegen sagte: «Weiblich!» − «Das gibt’s doch nicht!!!», schoss es mir durch den Kopf. «Wir sind doch hier auf dem Land! Hat die Genderideologie nun auch noch unsere Region heimgesucht?» Ich versuchte, meine Verblüffung zu verbergen, und fragte vorsichtig nach: «Was, das Christkind ist weiblich?» «Ja», sagte das Mädchen ganz bestimmt. «Ach du meine Güte», seufzte ich in Gedanken und schob nach: «Bist du ganz sicher – das Christkind ist weiblich?» «Ja, es ist weiblich!», bestätigte das Mädchen, und zwar so nachdrücklich, dass sie mich davon abhielt, gleich zu widersprechen. Dann – wohl aufgrund meines fragenden Gesichtsausdruckes – schob es die folgende Erklärung nach: «Mein Mami ist das Christkind!» – Ach so, das Mädchen hatte nicht das Christkind in der Krippe gemeint, sondern das Christkind, das zu Hause im Verborgenen für die Geschenke sorgt! Und schon war die Welt wieder in Ordnung. Wir zogen ein, feierten das Fest der Heiligen Familie mit dem Christkind in ihrer Mitte, und wohl etliche Male konnte ich mir ein Schmunzeln angesichts des vorausgehenden Dialoges nicht verkneifen. Frohe Weihnachten!


Roland Graf
swiss-cath.ch

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Dr. Roland Graf ist Pfarrer in Unteriberg und Studen (SZ). Er hat an der Universität Augsburg in Moraltheologie promoviert und war vor seinem Theologiestudium als Chemiker HTL tätig.


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Bemerkungen :

  • user
    Daniel Ric 29.12.2025 um 09:51
    Ich finde, dies ist eine schöne Anekdote, die doch sehr lehrreich ist. Wir leben in einer religiös ungebildeten Zeit und daher ist es entscheidend, wie Pfarrer Graf in diesem Beispiel einfühlsam auf dieses Unwissen einzugehen. Ein guter Katholik zeichnet sich meines Erachtens dadurch aus, wie er in solchen Situationen den Glauben vermittelt, ohne das Gegenüber abzuschrecken. Mit der Brechstange lässt sich aus keinem Mitmenschen ein Christ machen. Zum Thema Genderideologie, welches hier auch aufgegriffen wird: Kinder und Jugendliche haben meist eine klare Vorstellung davon, dass es Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Leider wird diese Vorstellung im späteren Alter durch Theorien angegriffen, die keine wissenschaftliche Basis haben. Hier sollte die Kirche eine klare Position beziehen und nicht noch durch Gendersternchen zur Verwirrung beitragen.