Die von Justo Gallego gebaute Kathedrale in Mejorada del Campo bei Madrid. (Bild: Javier Martin Espartosa/Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Weltkirche

Wie ein Auto­di­dakt aus Bau­schutt eine Kathe­drale errichtete

Am 20. Sep­tem­ber 2025 wäre der Spa­nier Justo Gal­lego 100 Jahre alt gewor­den. Sein Lebens­werk konnte der Kir­chen­bau­meis­ter in Eigen­re­gie nicht mehr voll­en­den. Doch das Ergeb­nis hätte ihm wohl gefallen.

60 Jahre hat Justo Gallego Martínez mit Bauschutt und Sperrmüll in Mejorada del Campo vor den Toren Madrids eine gewaltige «Kathedrale» gebaut. Praktisch allein errichtete er diese 50 Meter lange, 20 Meter breite und 35 Meter hohe «Liebeserklärung an Gott, Jesus Christus und die Jungfrau Nuestra Señora del Pilar».

Justo Gallego, dessen Kathedrale – zufällig oder nicht – an der später «Antoni Gaudí» benannten Strasse liegt, fing im Oktober 1961 mit dem Bau an. Und er zog das gewaltige Gotteshaus praktisch allein hoch.

Der tiefgläubige Katholik wollte eigentlich Mönch werden. 1952 trat er einem Trappistenkloster in der Nähe von Soria bei. Doch nach acht Jahren erkrankte er schwer an Tuberkulose, musste das Kloster verlassen und wäre beinahe gestorben. «Damals schwor ich, Gott und der Jungfrau Nuestra Señora del Pilar eine Kirche zu bauen, sollte ich die Krankheit überleben», erklärte Justo. Er überlebte und hielt sich an sein Versprechen.

«Ich setze Stein auf Stein. Und während ich baue, werde ich selbst gebaut.»

Aber weder war er Architekt noch gab es Baupläne. Er verkaufte den Bauernhof und die Ländereien seines damals bereits gestorbenen Vaters und legte einfach los. Mauern, schweissen, Zement mischen – er brachte sich alles selbst bei. Er inspirierte sich lediglich an ein paar Büchern über alte Kirchen und mittelalterliche Burgen. «Die Kuppel ist dem Petersdom in Rom nachempfunden. Ansonsten sticht in meiner Kirche eher das Romanische hervor», sagte er mit Stolz.

Von Beginn an dachte der Baumeister gross. Er hatte ein Kloster oder ein Priesterseminar im Kopf. So konstruierte er gleich neben seiner Kirche auch einen Kreuzgang, um den sich mehrere zweistöckige Nebengebäude gruppieren. Es gibt Versammlungsräume, eine Bibliothek und eine Sakristei; fast 4700 Quadratmeter Gesamtfläche. Vor der Kathedrale befindet sich ein achteckiges Baptisterium.
 


Es sind aber nicht nur die Ausmasse, die beeindrucken, oder der Do-it-yourself-Charakter seines Werkes. Justo Gallego hatte kein Geld, war auf Spenden angewiesen. Oft schenkten ihm örtliche Baufirmen alte Werkzeuge oder sie halfen ihm mit Kränen beim tonnenschweren Dach. Ansonsten suchte sich der Gläubige seine Baumaterialien selbst zusammen: Eisenstangen, Drähte, ausgediente Haushaltsgeräte, alte Werbebanden aus dem Stadion von Real Madrid. Tennisbälle und Tomatendosen verputzte er zu dekorativen Elementen. Auf Schutthalden holte er sich Steinreste für den Boden. Bauunternehmen bat er um Zement und Ziegelsteine – aber nur um kaputte. Er wollte keine neuen Materialien. Er wollte recyceln, den ökologischen Fussabdruck seines Gotteshauses möglichst klein halten.

«Ich sehe meine Kirche längst vor mir. Ich muss nur noch mit dem Handwerk nachkommen.»

Er ahnte bereits vor langer Zeit, dass er sein Lebenswerk nicht selbst würde beenden können. Und er hatte Sorge. Sorge, die Behörden könnten seine «Kathedrale» sogar abreissen, sollte er nicht mehr da sein. Denn eine Baugenehmigung hatte er nie und die Katholische Kirche war nicht daran interessiert, sein Gotteshaus zu übernehmen. So wandte sich Justo Gallego an den Priester Ángel García Rodríguez.

Padre Ángel ist dank der von ihm gegründeten katholischen Hilfsorganisation «Mensajeros de la Paz» (Boten des Friedens) Spaniens bekanntester Geistlicher. Von Spaniens Königen bis hin zu Hollywoodstar Richard Gere unterstützten Promis immer wieder seine sozialen Hilfsprojekte. Eigentlich ist Padre Ángel selbst ein Promi, erhielt sogar den Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Eintracht. Der Award gilt als der «spanische Nobelpreis». Weltweit kümmert sich seine Organisation um hilfsbedürftige Kinder und Obdachlose.
 


«Justo stiftete uns seine wunderschöne Kathedrale und er hatte nur eine einzige Bedingung. Er bat mich, sein Lebenswerk zu Ende zu bringen», sagt Padre Ángel der «Katholischen Nachrichtenagentur». Heute Samstag wäre Justo Gallego 100 Jahre alt geworden; doch er starb 2021 im Alter von 96 Jahren. Padre Ángel hielt sein Wort: Nach Justos Tod beauftragte er ein Architekturbüro, um eine Bestandsaufnahme zu machen. Danach ging es an die Arbeit.

Zwei Jahre lang wurden Geländer eingesetzt, kaputte Fenster ausgetauscht, halbfertige Türme vollendet und vor allem das Dach geschlossen, durch das es ständig hereinregnete. «Wir wollten aber nichts verschönern. Wir machten das Gebäude nur sicherer für Besucher. Den Geist von Justos Arbeit haben wir erhalten», versichert Padre Ángel.

So wirkt Justos «Kathedrale» zumindest auf den ersten Blick immer noch halbfertig. Ganz wie Antoni Gaudís weltberühmte Sagrada Família in Barcelona, die 2026, pünktlich zum 100. Todestag des Architekten, nach 144 Jahren Bauzeit endgültig fertiggestellt werden soll.

Ganz im Geist von Justo Gallego nutzt Padre Ángel die Kathedrale, um Schülern und Studenten zu veranschaulichen, wie Recyceln funktioniert und wie wichtig es für unseren Planeten ist. In der Kirche veranstaltet seine Hilfsorganisation Sozialprojekte, betreut Obdachlose und organisiert Armenspeisungen. Da es sich nicht um eine geweihte Kirche handelt, machte Padre Ángel sie zu einem Zentrum für den interreligiösen Dialog. Im achteckigen Baptisterium befinden sich die Gebetsräume für Muslime und Juden direkt nebeneinander.

Umbettung 2031
«Justo hätte sich gefreut zu sehen, was aus seinem Lebenswerk geworden ist», ist sich Padre Ángel sicher. Doch einen Gefallen ist er dem früheren Ordensmann noch schuldig. Der «verrückte Kirchenbauer» – wie er sich selbst manchmal nannte – wollte unbedingt in der Krypta seiner Kathedrale bestattet werden. Das Grab im Zementboden legte er selbst an.

Padre Ángel plant, seine Überreste in sechs Jahren, 2031, vom Friedhof von Mejorada del Campo zu überführen. Laut dem spanischen Bestattungsgesetz darf ein Leichnam erst nach zehn Jahren umgebettet werden. Spätestens dann dürfte Justo Gallegos sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen.


KNA/Redaktion


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    Johanna-Jessica OFS 09.10.2025 um 11:32
    Das tatkräftige Zeugnis von Justo Gallego Martínez berührt mich seit Jahren tief. Vergelts Gott, für diesen wundervollen Artikel!
  • user
    Daniel Ric 02.10.2025 um 07:26
    Wunderbare Geschichte. Justo Gallego verdient unglaublichen Respekt für seine Lebensleistung. Ich habe von seinem Wirken bereits vor 20 Jahren gehört und war damals sehr beeindruckt von diesem Eifer, zu Ehren Gottes eine Kirche zu bauen. Die Architektur ist eine sehr wichtige Möglichkeit, die Menschen zu Gott zu führen. Viele Bauwerke, die vor Hunderten von Jahren errichtet wurden, strahlen immer noch eine grosse Faszination auf die Besucher aus, die dann anfangen, sich mit der Frohen Botschaft auseinanderzusetzen.