Pfingsten, Duccio di Buoninsegna, 1309, Museo dell'Opera del Duomo Siena. (Bild: Public domain via Wikimedia Commons)

Neuevangelisierung

Wie Elena Guerra die Pfingst­no­vene begründete

Vom Frei­tag nach Christi Him­mel­fahrt bis zum Sams­tag vor dem Pfingst­sonn­tag betet die Kir­che die Pfingst­no­vene. Was zunächst eine pri­vate Andachts­übung war, hat 1897 Papst Leo XIII. für die ganze Kir­che eingeführt.

Als die Jünger nach der Himmelfahrt Christi nach Jerusalem zurückkehrten, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet bis zum Pfingstereignis (vgl. Apg 1,13–14).

Schon im frühen Mittelalter bereiteten sich Gläubige nach dem Vorbild der Apostel und Mariens auf wichtige Feste oder Ereignisse vor. Seit dem Barock kennt die Kirche neuntägige Andachten (Novenen), mit denen sich die Gläubigen unter Anrufung von Heiligen etwas erbitten oder sich auf ein kirchliches oder auch persönliches Fest (z. B. eine Weihe) vorbereiten.

Unter den verschiedenen Novenen ist heute besonders die Pfingstnovene bekannt, mit der an den neun Tagen zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten um das Kommen des Heiligen Geistes und seiner sieben Gnadengaben gebetet wird. Mit dieser Novene ist der Name einer italienischen Heiligen verknüpft.

Briefe mit weltweiter Wirkung
Die heilige Elena Guerra, kam 1835 in Lucca (Italien) als Tochter wohlhabender adeliger Eltern zur Welt. Sie verspürte nach ihrer Firmung im Alter von acht Jahren eine ganz besondere Verehrung für den Heiligen Geist. Als Erwachsene musste sie feststellen, dass viele Gläubige die Verehrung des Parakleten vernachlässigten. So verfasste sie 1865 eine Broschüre mit dem Titel «Fromme Gebetssammlung zum Heiligen Geist» und verbreitete die Praxis der sieben Wochen zur Vorbereitung auf Pfingsten. Sie gründete die Gemeinschaft der «Oblatinnen des Heiligen Geistes», die 1882 kirchlich anerkannt wurde.

Zwischen 1895 und 1903 sandte sie zwölf Briefe[1] an Papst Leo XIII. und forderte ihn auf, die Bischöfe – und über diese die Priester – dazu anzuhalten, die Gläubigen durch eine Novene mit Predigt auf das Pfingstfest vorzubereiten.

Papst Leo XIII. erkannte in ihrem Anliegen eine Bitte des Herrn. Er übernahm deshalb ihr Anliegen und veröffentlichte am 5. Mai 1895 das Breve «Provida Matris», in welchem er zum Gebet für die Einheit der Kirche aufruft, damit auch die «abtrünnigen Brüder und Schwestern» in die Kirche zurückkehren. «Kein Zeitpunkt scheint für die Ausübung solcher Frömmigkeit passender zu sein als jener, an dem die Apostel nach der Himmelfahrt des Herrn einst beisammenstanden und gemeinsam mit Maria, der Mutter Jesu, beharrlich beteten.» Er fordert deshalb alle Gläubigen zum Beten der Pfingstnovene auf und gewährt dafür auch verschiedene Ablässe. «Wahrlich, es ist zulässig, von Ihm, der der Geist der Wahrheit ist, der die göttlichen Geheimnisse in der Heiligen Schrift offenbart und der Kirche durch seine immerwährende Gegenwart Trost spendet, grösste und heilsame Wohltaten zu erhoffen; durch Ihn, als lebendige Quelle der Heiligkeit, wachsen die Seelen, die zur göttlichen Kindschaft wiedergeboren sind, auf wunderbare Weise und vollenden sich für die Ewigkeit. Denn aus der vielgestaltigen Gnade des Geistes entspringen in ihnen unaufhörlich göttliches Licht und Feuer, Heilung und Kraft, Trost und Friede sowie der Wille zu allem Guten und die Fruchtbarkeit heiliger Werke.»
 


Pfingstnovene hat einen schweren Stand
Zwei Jahre später veröffentlichte Papst Leo XIII. die Enzyklika «Divinum illud Munus. Über die Gegenwart und die wundersame Kraft des Heiligen Geistes» (9. Mai 1897). Er ruft den Gläubigen ins Gedächtnis, dass Jesus Christus uns den Heiligen Geist gesandt hat, um das Werk der Erlösung zu vollenden: «Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe» (Joh 14,26). Der Pontifex legt die Lehre der Kirche über den Heiligen Geist in kurzen Worten dar und erklärt, dass er die Verehrung des Heiligen Geistes in der Kirche fördern möchte. «Wir verfügen und befehlen daher, dass in der gesamten katholischen Welt in diesem Jahr und für alle Zeiten vor Pfingsten in allen Kathedralen und, sofern die Ortsbischöfe es für sinnvoll erachten, auch in anderen Kirchen oder Kapellen eine neuntägige Fürbitte abgehalten wird.» Wiederum gewährt er Ablässe, die auch jene empfangen können, welche die Novene privat beten.

Doch nur wenige Bischöfe und Priester zeigten ein Interesse an der Enzyklika. Schwester Elena liess deshalb Broschüren drucken, um die Pfarrer und Gläubigen an diese Andachtsform zu erinnern, und finanzierte zu diesem Zweck Volksmissionen in verschiedenen Teilen Italiens.

Im Heiligen Jahr 1900 hatte Papst Leo XIII. die Menschheit dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht. In ihrem Brief an Papst Leo XIII. vom 15. Oktober 1900 bat Schwester Elena den Papst, alle Katholiken zu ermahnen, für das neue Jahrhundert zu beten und es dem Heiligen Geist anzuvertrauen. Auch dieser Bitte kam der Pontifex nach und intonierte am 1. Januar 1901 im Namen der ganzen Kirche das «Veni Creator Spiritus».

1902 erinnerte der Papst mit seinem Brief an die Bischöfe, «Ad Fovendum in Christiano Populo», an die Verpflichtung der Pfingstnovene.

Elena Guerra starb am 11. April 1914. Bei ihrer Seligsprechung am 26. April 1959 bezeichnete sie Johannes XXIII. als «Apostelin des Heiligen Geistes der heutigen Zeit». Am 20. Oktober 2024 sprach sie Papst Franziskus heilig.

Heute in die Liturgie integriert
Mit der Neuordnung des Kirchenjahres im Jahr 1969 gelangte die bisher vor allem in der privaten Frömmigkeit beheimatete Pfingstnovene in die offizielle Liturgie der Kirche. Die «Grundordnung des Kirchenjahres und des Neuen Römischen Generalkalenders» legt fest: «Die Wochentage nach Christi Himmelfahrt bis zum Samstag vor Pfingsten einschliesslich bereiten auf die Herabkunft des Heiligen Geistes vor» (GOK 26). Alle Wochentage besitzen eigene Messtexte, die an die Verheissungen Christi über die Sendung des Heiligen Geistes erinnern. Auch im Stundengebet der Kirche finden sich entsprechende Texte. So beginnt zum Beispiel die Vesper jeweils mit dem Hymnus «Komm, Heilger Geist, der Leben schafft».

Das Anliegen der heiligen Elena Guerra hat sich noch nicht ganz erfüllt: Der Heilige Geist, die dritte Person der Trinität, fristet oft ein Schattendasein, wird nur an Pfingsten oder bei einer Firmung thematisiert. Dabei ist der Heilige Geist die verheissene Gabe Christi, die uns hilft, in der Nachfolge Christi zu leben. Er verleiht uns Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Er verbindet uns noch inniger mit Christus.

Gerade in unserer Zeit, die unter Spannungen und Konflikten leidet – bis in die Kirche hinein –, brauchen wir die Gaben des Heiligen Geistes. Die Frucht von Pfingsten war die Einheit: «Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele» (Apg 4,32).

«Pfingsten ist nicht vorbei. Tatsächlich dauert es zu jeder Zeit und an jedem Ort fort, denn der Heilige Geist wollte sich allen Menschen schenken, und alle, die ihn wollen, können ihn immer empfangen; daher müssen wir die Apostel und die ersten Gläubigen nicht beneiden; wir müssen uns nur wie sie darauf einstellen, ihn gut zu empfangen, und er wird zu uns kommen, wie er zu ihnen kam» (heilige Elena Guerra).

 

Pfingstnovene aus dem Kirchengesangbuch (KGB) 1978 Link

Pfingstsequenz Link

Breve «Provida Matris»

Enzyklika «Divinum illud Munus»

 


[1] Einige Quellen sprechen von dreizehn Briefen.

 


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    ser AD 15.05.2026 um 09:40
    Danke, das ist wirklich erhellend.

    In einer persönlichen Aufstellung zu den Evangelien im Kirchenjahr habe ich den Ausdruck geprägt

    TERTIUS MEDIUS AUCTOR

    Der Dritte mehrt von der Mitte aus. Darum betet man im Apostelmonat Mai zur Muttergottes, weil aus Ihr der Gottessohn hervorgeht. Rosenkranz und Heiliger Geist passen perfekt zusammen.

    Ich wusste gar nicht, dass diese Andacht so jung ist. Schon viele Jahre vertraue ich auf den Heiligen Geist, vor allem wenn ich in Prüfungen unfähig bin.

    In Italien gab es anfangs 90er Jahre eine Kongregation zur Verehrung des Heiligen Geistes - da wäre ich gerne dabei. Aber die ganze Kirche ist eine Kongregation zur Verehrung des Heiligen Geistes, im Hören des Evangeliums als Amor Patris.