Manch Wichtiges und Richtiges hat Giuseppe Gracia in seinem NZZ-Gastbeitrag «Gott lässt sich politisch nicht einspannen» (3. März 2026) in Erinnerung gerufen. So weist er darauf hin, dass sich die Idee von der unantastbaren Würde der Person und damit der Menschenrechte dem im Judentum und Christentum grundgelegten Bild vom Menschen als Ebenbild Gottes verdankt. «Nahezu alle europäischen Werte sind christlich inspiriert», so Gracia. Dies betreffe insbesondere das Recht zu wählen, «denn dieses gründet in der Überzeugung, dass alle Menschen vor Gott gleich sind und die gleichen Rechte besitzen. Das Christentum ist der geistige Boden, auf dem der Rechtsstaat steht.» Grundsätze wie die Nächstenliebe und soziale Verantwortung zu proklamieren, gehörten deshalb zum Kernauftrag der Kirche.
Dies bedeute allerdings nicht, daraus auch die Kompetenz abzuleiten, konkrete politische Vorhaben fallweise als gott-gefällig oder eben nicht gott-gefällig zu taxieren. Exakt dieses Recht hatte sich die Kirche mit ihrer Ablehnung der Halbierungsinitiative herausgenommen und damit, so Giuseppe Gracia, die Bevölkerung bevormundet. Das Phänomen kirchlicher Stellungnahmen zu aktuellen politischen Vorgängen ist allerdings nicht neu. Die schärfste Kritik prasselte auf die Kirchen ein, als sie die sogenannte Konzernverantwortungsinitiative befürworteten. Besonders wütend reagierte Prof. Andreas Glaser, Leiter des Zentrums für Demokratie. Der Katholischen Kirche müsste man aufgrund ihrer Demokratiedefizite eigentlich grundsätzlich (sic) das Recht auf politische Stellungnahmen absprechen, wetterte der deutsche Staatsphilosoph Glaser mit typisch teutonischem Furor (NZZ vom 12. Oktober 2020).
Zitat frei erfunden
Ein solch undifferenziertes Totalverbot liegt Giuseppe Garcia fern. Ein Dorn im Auge sind ihm vielmehr Stellungnahmen kirchlicher Obrigkeiten zu konkreten politischen Vorhaben. Mit dieser «Selbstüberhöhung» verstiessen die Kirchen nicht nur gegen den «Respekt vor der Komplexität weltlicher Sachfragen, sondern auch gegen die Lehre der Kirche selbst». Zur Untermauerung seiner These zitiert Gracia das Zweite Vatikanische Konzil, genauerhin die Pastoralkonstitution «Gaudium et spes» Nr. 43: «Oftmals wird gerade eine christliche Schau der Dinge eine bestimmte Lösung in einer konkreten Situation nahelegen. Aber andere Christen werden vielleicht bei gleicher Gewissenhaftigkeit in der gleichen Frage zu einem anderen Urteil kommen […]. So hat niemand das Recht, die Autorität der Kirche für seine Meinung in Anspruch zu nehmen […] In rein politischen Fragen steht es der Kirche nicht zu, konkrete Lösungen vorzuschreiben.»
Doch wie lautet die zitierte Textstelle tatsächlich? Gleich im ersten Satz unterschlägt Gracia ein wichtiges Wort: «Oftmals wird gerade eine christliche Schau der Dinge ihnen eine bestimmte Lösung in einer konkreten Situation nahelegen.» Mit dem Wort «ihnen» sind Laien gemeint. Im Klartext: Hier wird biblisch gesprochen nicht das Verhältnis zwischen dem Hirten und seiner Herde thematisiert, sondern das Verhältnis zwischen Laien, welche die Autorität der Kirche nicht für ihre je unterschiedlichen Ansichten monopolisieren dürfen. Doch es kommt noch dicker: Der von Giuseppe Gracia zitierte letzte Satz «In rein politischen Fragen steht es der Kirche nicht zu, konkrete Lösungen vorzuschreiben» findet sich nirgends im Konzilsdokument. Gracia hat ihn schlicht erfunden! Fazit: Dem Vorwurf, die Kirche verstosse mit ihrer Stellungnahme zur Halbierungsinitiative gegen ihre eigene Lehre, fehlt jede Grundlage.
Obsolete Enthaltsamkeits-Direktive
Gracias Enthaltsamkeits-Direktive an die Adresse der Kirchenleitungen ist aber auch aus anderen Gründen obsolet. Seine Argumentation, (wirtschafts-)politische Probleme Fachleuten zu überlassen, zielt ins Leere, denn in den meisten Fällen sind sich eben diese Fachleute über die einzuschlagenden Problemlösungen uneins, ja oft heillos zerstritten. Ein überaus anschauliches Beispiel liefert ein Doppelinterview in der NZZ vom 21. Februar 2026. Darin liefern sich die beiden Experten André Holenstein und Oliver Zimmer, beide ehemalige Universitäts-Professoren, einen heftigen Streit über die Opportunität der sogenannten Bilateralen III, des geplanten Vertragswerks zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der Beziehungen der Schweiz mit der Europäischen Union. Die beiden Kontrahenten «könnten uneiniger nicht sein», schreibt die NZZ gleich zu Beginn der Kontroverse. In der Tat: Derweil der eine (Prof. Holenstein) den Vorwurf eines Unterwerfungsvertrages als «dummes Zeug» bezeichnet, nennt der andere (Prof. Zimmer) die geltend gemachten Mitwirkungsrechte der Schweiz im geplanten Vertragswerk «eine Farce».
Eine Expertenkommission namens «Vox Ethica»
Der Clou: Die Schweizer Bischöfe haben in Wirklichkeit gar keine Parole herausgegeben. Medienbischof Josef Stübi hat zwar einige wenige initiativ-kritische Anmerkungen allgemeiner Natur ins Spiel gebracht, verschanzte sich aber zur Hauptsache hinter der Stellungnahme der bischofseigenen Expertenkommission «Vox Ethica». Auf die Frage «Was raten Sie Gläubigen, die in dieser Frage unsicher sind?», gab er zur Antwort: «Im Hinblick auf eine Entscheidungsfindung verweise ich gerne auch auf die Stellungnahme zur Halbierungsinitiative von Vox Ethica, der Dienststelle der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz vom 20. Januar 2026» (vgl. «kath.ch»).
Wer ist dies «Vox Ethica», die sich vollmundig «Stimme der katholischen Kirche» nennt? Dieses bischöfliche Gremium wurde erst unlängst aus der Taufe gehoben. Gemäss eigener Webseite zählt «Vox Ethica» gerade einmal zwei Mitglieder(!): Florence Quinche und Florian Lüthi. Ab 1. Oktober 2026 soll noch ein drittes Mitglied hinzukommen (Anik Sienkiewicz). Eigenen Angaben zufolge arbeitet «Vox Ethica» eng mit der Kommission für Bioethik und Justitia et Pax zusammen.
Bei der Lektüre dieser Stellungnahme liegt die Vermutung auf der Hand: Es muss deren Inhalt gewesen sein, die Giuseppe Gracia zu seinem an die Adresse der Kirchenleitung gerichteten Vorwurf der Bevormundung verleitete. Dabei hätte er um seiner eigenen Glaubwürdigkeit willen besser diese Stellungnahme direkt ins Visier genommen, bietet sie doch zuhauf Anlass zu nur allzu berechtigter Kritik. Denn darin wird buchstäblich der Teufel an die Wand gemalt: Nichts weniger als die Weiterexistenz der Schweizer Demokratie stehe auf dem Spiel, sollte die Initiative angenommen werden. Die Gefahr könne nur durch die «hochwertige» Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender der SRG gebannt werden. Ansonsten drohe ein Szenario von geradezu apokalyptischem Ausmass: Mit Auswüchsen totalitärer Regime, die Informations- und Meinungsfreiheit zu untergraben, müsste à la longue auch in der Schweiz gerechnet werden.
Dass es auch noch so berechtigte Kritik an der SRG und ihren Sendegefässen gibt, die zu dieser Initiative Anlass gegeben hat, scheint das Fassungsvermögen des Zweier-Duos «Vox Ethica» völlig zu überfordern. Insbesondere der penetrant-moralisierende Linksdrall des Radios und Fernsehens der Deutschschweiz scheint für «Vox Ethica» eine terra incognita zu sein.
Chronischer Linksdrall
Dabei sind die Fakten buchstäblich aktenkundig. Erinnert sei an das berüchtigte Statement von Andreas Blum, von 1979 bis 1990 Direktor des Schweizer Radios DRS. Den Worten des SP-Mannes zufolge sei die Schweizer Medienlandschaft zu stark bürgerlich geprägt, das staatliche Radio müsse da korrigierend eingreifen. Mit linkslastiger Personalpolitik war Andreas Blum bestrebt, diese durch nichts legitimierte Umpolung eines staatlichen, zur Ausgewogenheit und Unparteilichkeit verpflichteten staatlichen Mediums umzusetzen.
Beim Fernsehen fuhr Peter Schellenberg parallel dazu die gleiche ideologische Schiene. Von 1988 bis 2004 amtete SP-Mitglied Schellenberg als Direktor des Schweizer Fernsehens. Sein Credo («Ich bin bekennender Marxist») hinderte ihn nicht an einem feudal-kapitalistischen Lebensstil, unter anderem mit Villa in Marseille. Schon damals kassierte er einen Lohn von Fr. 300 000.– und gönnte sich einen zusätzlichen Jahresbonus von Fr. 200 000.–. Immerhin verfügte «Schälli», wie ihn der «Blick» kumpelhaft nannte, über eine gute Portion Selbstironie. In einer Redaktionssitzung soll er einmal den Satz geäussert haben: «Ich arbeite ein Jahr lang nichts für’s Fernsehen, und keiner merkt’s» (Weltwoche Nr. 9 / 2026).
An dieser chronischen Linkslastigkeit hat sich bis heute nichts geändert. Sarkastisch kommentierte Hansjörg Wahl, der als Kameramann über Jahrzehnte mit praktisch allen Redaktionen zusammenarbeitete: «Vielleicht gab es Redaktoren, die nicht links waren, ich habe sie einfach nie kennengelernt» (Daniel Wahl in seinem Beitrag «Rotfunks Erben», «Weltwoche» Nr. 9 / 2026).
Die SP weiss sehr gut, was sie ihrem mit Zwangsgebühren finanzierten Rotfunk verdankt, lässt sich ihren verlängerten publizistischen Arm einiges kosten. Daniel Wahl nennt am Ende seines Beitrages die Zahl von Fr. 820 000.–, welche die SP in die Kampagne gegen die Halbierungsinitiative gesteckt hat. Diese Zahl war schon wenige Tage nach Erscheinen dieser «Weltwoche»-Ausgabe obsolet. Das SP-Füllhorn schüttete schliesslich 1,6 Millionen aus, um die Halbierungsinitiative zu bodigen.
Statt sich blindlings vor den Karren der SRG spannen zu lassen, hätte die bischöfliche Expertenkommission «Vox Ethica» besser daran getan, die subkutan chronisch anti-katholische Berichterstattung kritisch zu hinterfragen. Hat sie aber nicht.
Churchill hat den berühmten Satz geprägt: «Die Demokratie ist die schlechteste Staatsform der Welt, aber es gibt keine bessere.» Mag sein. Aber Gott bewahre uns vor der Expertokratie – es wäre die allerschlechteste Staatsform.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Es gäbe etliche Beispiele. Nur das bekannteste, bei weitem nicht einzige ist LGBTQ+*😢🤬☠️🌩️☢️😨😭😱↘️
Dass eine "Vox ethica" als delegierte Kommission der Bischofskonferenz wohl kaum als römisch-katholische Stellungnahme zu einer Abstimmung ernst genommen werden kann liegt so nahe wie beim einstigen "Club" namens Justitia et pax, damals bei der CVP, wo ich Delegierter war,. noch "Pastitia et Jux" satirisch benannt, wobei ja unterdessen die Stimmen der Mitte ihrerseits keinen christlichen Anspruch mehr erheben. Letzteres bedeutete damals immerhin, dass man bei der CVP noch ein schlechtes Gewissen über die eigene Politik verspüren konnte. Jedenfalls war das "C" noch ein Argument für den Wähler mindestens dann, wenn die Partei wenigstens nicht schlechter war als andere. Aber klar, die analytische Kompetenz von Herrn Garcia sollte im einzelnen nicht überschätzt werden, auch im Zusammenhang mit den Schlussfolgerungen der zwar unbedingt zu respektierenden Menschenwürde zum Beispiel auf das Wahlrecht. Wenn letzteres praktisch keine Bedeutung hat für wirkliche Mitbestimmung des Bürgers, sollte es auch nicht überschätzt werden, vergleiche die berüchtigten 99% in jeweils kommunistischen Systemen. Gemäss katholischer Lehre kam es noch nie auf das Wahlrecht an, auch nicht das Frauenstimmrecht, sondern auf das Gemeinwohl und letztlich die Personalität. Dies bedeutet tatsächlich, dass es in jedem politischen System eine Art Mitbestimmung des Bürgers geben muss, wobei hier aber die Meinungsfreiheit und das Recht auf Kritik um Welten wichtiger sind für die Menschenwürde als das Wahlrecht alle vier Jahre, wobei etwa in Deutschland und in fast allen Ländern das Wahlsystem im Einzelfall verhindern kann, dass meine Stimme überhaupt zählt, etwa bei einer 5%-Limite und übrigens auch Parteiverboten oder Werbeverboten. Auch sollte man das heute Mainstream bedeutende Menschenrechtsdenken nicht mit allfälligen christlichen Wurzeln einzelner Grundsätze verwechseln, siehe Verfassungsrichter, die heute potentiell mehrheitlich die Abtreibung und wohl bald auch die Euthanasie zum Menschenrecht erheben. Eine unglaubliche Verletzung der Menschenwürde stellt übrigens das Zwangsabonnement von Medien dar, etwa Propagandasender oder offizielle Zeitungen. Man stelle sich die Rundfunkgebühr in Hitlerdeutschland vor nicht nur aus der Sicht eines Juden. Und wenn in der Schweiz das Militär nicht mehr obligatorisch ist, dann sollte auch der Zwang zum Abonnement der öffentlichrechtlichen Medien nicht verpflichtend sein, so wie es eine Zumutung wäre, den Tagesanzeiger, den Kirchenboten oder die Weltwoche abonnieren zu müssen.
Jede kirchliche Organisation und alle Mitarbeitenden einer Kirche dürfen sich aber jederzeit zu politischen Themen äussern, es muss aber immer klar sein, wer hinter Aussagen und Publikationen steht. Kirchen müssen dann aber umgekehrt auch staatlichen und anderen Organisationen das gleiche Recht einräumen.
Und warum soll die Kirche nicht politisch sein? Wenn die Politik in innerkirchliche Prozesse eingreifen will - (siehe https://www.domradio.de/artikel/kultusministerin-verteidigt-neuen-oekumenischen-religionsunterricht )
Jetzt - brauchen wir eine starke katholische Kirche die den Gläubigen ein Leuchtturm ist!