Trotz strömendem Regen wurde Papst Leo begeistert im Libanon empfangen. (Bild: © popeinlebanon.com)

Weltkirche

«Wo der Papst unter­wegs ist, folgt ihm der Friede»

Mit einem ein­dring­li­chen Auf­ruf zum Ein­satz für Frie­den, Ver­söh­nung und Gemein­wohl hat Papst Leo XIV. am Sonn­tag sei­nen Besuch im Liba­non begon­nen. Bei einer Rede im Prä­si­den­ten­pa­last von Bei­rut ver­sprach das Kir­chen­ober­haupt den anwe­sen­den Poli­ti­kern als Beloh­nung eine «beson­dere Selig­keit, wenn Sie von sich sagen kön­nen, dass Sie das Ziel des Frie­dens über alles andere gestellt haben».

Die Libanesen seien «ein Volk, das nicht untergeht, sondern angesichts von Prüfungen stets den Mut findet, sich neu zu erheben», betonte der Papst und fuhr fort: «Sie haben stark gelitten […] unter der Radikalisierung verschiedener Gruppierungen und unter Konflikten: Aber Sie haben immer wieder einen Neuanfang gewollt und geschafft.»

Um wirklichen Frieden zu erreichen, sei es nötig, den «beschwerlichen Weg der Versöhnung» zu gehen. Es gebe «persönliche und kollektive Wunden, deren Heilung viele Jahre, manchmal ganze Generationen erfordert». Eine Kultur der Versöhnung bedürfe «der Autoritäten und Institutionen, die das Gemeinwohl über das Partikularwohl stellen», mahnte der Papst die Anwesenden.

Plädoyer gegen die Auswanderung
Mit Nachdruck forderte der Papst die Libanesen auf, in ihrem Land zu bleiben, «auch wenn dies Opfer erfordert». Die Kirche wolle, «dass niemand zur Auswanderung gezwungen wird und dass jeder, der dies wünscht, sicher zurückkehren kann». Der Papst rief die anwesenden Politiker auf, alles zu tun, «damit insbesondere die jungen Menschen sich nicht gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen».

Besonders hob der Papst die Rolle der Frauen beim «mühsamen und geduldigen Engagement für die Bewahrung und den Aufbau des Friedens» hervor und sagte: «Selig sind die Friedensstifterinnen und selig sind die jungen Menschen, die bleiben oder zurückkehren, damit der Libanon weiterhin ein Land voller Leben ist.»

Vor seiner Rede, bei der zahlreiche amtierende und ehemalige Staats-, Regierungs- und Parlamentschefs des Libanon anwesend waren, hatte der Papst mehrere Repräsentanten aus Staat, Parlament und Politik getroffen. Er sprach unter anderem mit Staatspräsident Joseph Aoun, einem Christen, dem schiitischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri und dem sunnitischen Regierungschef Nawaf Salam.

Trotz starkem Regen hatten Tausende Menschen die Strassen von Beirut gesäumt, auf denen der Papst in einer langen Wagenkolonne vom Flughafen zum Präsidentenpalast gekommen war. Auf einem selbstgemalten Transparent war zu lesen: «Where the Pope walks, peace follows».

Papst auf heikler Mission im Libanon
Drei Tage ist der Papst im Libanon. Er kommt als Friedensbotschafter in ein von Kriegen und Krisen geschundenes Land. Sein Wort hat dort grosses Gewicht, Christen sind im Libanon wichtiger als in anderen arabischen Ländern.

Der Apostolische Vikar von Beirut, Bischof Cesar Essayan, warnt vor Illusionen: «Papst Leo XIV. kann nicht tun, was eigentlich unsere Aufgabe ist», sagte er im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) an seinem Amtssitz in Jeita nördlich von Beirut. Seine Hoffnung sei, dass es dem Papst gelinge, den Christen und der Kirche neuen Elan zu verleihen und das Land auf die richtige Bahn zurückzubringen.

Es gab im Vorfeld Kontakte zwischen den verschiedenen Gruppen und dem Vatikan; selbst die Hisbollah hat erklärt, man empfange den Papst mit Freude. Der Papst wird sich Zeit nehmen, sich mit allen zu treffen und ihnen zuzuhören. «Sie wünschen sich von ihm, dass er eine Vision mitbringt, die anders ist als die Realität, die wir leben», so Bischof Cesar.
 


Am Montag sind zunächst Begegnungen mit maronitischen Gläubigen und Klerikern geplant. Sie gehören zur katholischen Kirche und bilden die grösste christliche Konfession im Land. Am Nachmittag steht ein interreligiöses Gebetstreffen auf dem Programm. Daran nehmen muslimische und christliche Geistliche sowie Vertreter kleinerer Glaubensgemeinschaften teil. Da sich im Libanon gemäss der Verfassung die Religionsgemeinschaften die Macht teilen, haben solche Zeremonien auch grosse politische Bedeutung.

Am Montagabend will der Papst am Sitz des maronitischen Patriarchen zu christlichen Jugendlichen sprechen. Es wird erwartet, dass er sie auffordern wird, trotz Konflikten und schweren wirtschaftlichen Krisen weiter im Land zu bleiben.

Am meisten Menschen werden am Dienstagmittag erwartet, wenn Papst Leo in der Nähe des Hafens vor rund 100 000 Menschen bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel predigen wird. Frühere Päpste hatten bei vergleichbaren Gottesdiensten in Beirut programmatische Ideen für Religion und Politik im Libanon formuliert.

Zuvor sind am Dienstag ein Besuch in einem katholischen Krankenhaus sowie eine Gedenkzeremonie am Hafen von Beirut vorgesehen. Dort kamen im August 2020 bei einem Explosionsunglück mehr als 200 Menschen ums Leben, etwa 7000 wurden zum Teil schwer verletzt.

Am Dienstagabend wird Papst Leo XIV. nach seiner ersten Auslandsreise in Rom zurückerwartet.

Der Libanon – ein Land in einer existenzbedrohenden Krise
Der Libanon ist geprägt durch das Nebeneinander zahlreicher Religionen. Mit etwa 30 Prozent hat die parlamentarische Demokratie den grössten Anteil Christen in der Arabischen Welt. Die Muslime machen inzwischen wohl mehr als 60 Prozent aus. Offiziell anerkannt sind 18 Religionsgemeinschaften, darunter die Minderheiten der Drusen und Alawiten.

Die Vielfalt des Libanons spiegelt sich in seinem komplexen politischen System wider. Präsident muss stets ein maronitischer Christ sein, der Regierungschef ein Sunnit, der Parlamentspräsident ein Schiit. Seit dem Taif-Abkommen von 1989 teilen sich sieben christliche Konfessionen und vier muslimische Gruppen nach einem festen Schlüssel die Sitze im Parlament. Eine Staatsreligion kennt das Land nicht.

Über Jahrhunderte war der Libanon Teil des Osmanischen Reiches. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Frankreich als Mandatsmacht die Kontrolle bis zur Unabhängigkeit 1943. Seit dem Bürgerkrieg (1975–1991) geriet das Gleichgewicht immer mehr ins Wanken. Dazu tragen eine politische Fragmentierung in zwei Lager und das ungelöste Problem der im Nahost-Konflikt ins Land geflohenen Palästinenser bei; ebenso wie der stetig schwindende Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung von über 50 Prozent im Jahre 1943 auf heute noch knapp 30 Prozent.

Die vom Iran unterstützte schiitische Hisbollah ist ein starker Machtfaktor und sucht immer wieder die militärische Konfrontation mit dem Nachbarstaat Israel. Zudem ist der Libanon nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR das Land mit den meisten Flüchtlingen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Aktuell sind etwa eine Million syrische Flüchtlinge im Land registriert.

Ab 2019 rutschte der Libanon in die schlimmste wirtschaftliche und politische Krise seiner Geschichte – die laut einem UN-Bericht auch durch Vetternwirtschaft und massive Korruption verursacht ist. Folgen sind hohe Arbeitslosigkeit, grosse Versorgungsmängel und extreme Inflation. Drei Viertel der Bevölkerung leben inzwischen unter der Armutsgrenze.


KNA/Redaktion


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Bemerkungen :

  • user
    Stefan Fleischer 02.12.2025 um 07:20
    Was jedoch m.E. allzu oft vergessen geht ist das, was unser Landesvater Bruder Klaus den alten Eidgenossen sagen musste:
    „Fried ist allweg in Gott“