Ordensschwestern verlassen den Platz. Symbolbild. (Bild: Rob Whitaker/flickr, CC BY-NC 2.0)

Kirche Schweiz

Zu wenig Nach­wuchs, «mehr Opfer als Täte­rin­nen» – warum die Ordens­frauen der Deutsch­schweiz die Miss­brauchs­stu­die nicht mitfinanzieren

Die Pilot­stu­die zum sexu­el­len Miss­brauch in der Katho­li­schen Kir­che Schweiz wird seit Januar 2024 für drei Jahre fort­ge­führt und mit 1,5 Mio. Fran­ken von der «Schwei­zer Bischofs­kon­fe­renz», der «Römisch-​Katholischen Zen­tral­kon­fe­renz» und der «Kon­fe­renz der Ordens­ge­mein­schaf­ten und ande­rer Gemein­schaf­ten des gott­ge­weih­ten Lebens in der Schweiz» (KOVOS) finan­ziert. Was letz­tere ver­schwieg: Die Ordens­frauen machen nicht (mehr) mit.

Am 12. Juni enthüllte der «Tages-Anzeiger», dass die «Vereinigung der Ordensoberinnen der deutschsprachigen Schweiz und Liechtenstein» (VONOS) bereits per 1. Januar aus der KOVOS ausgetreten ist. Anfang Juli werden auch die kontemplativen Klöster diesen Schritt vollziehen.

Die VONOS begründet ihren Austritt damit, dass die Statuten der KOVOS keine Beteiligung in einem grösseren finanziellen Umfang an Projekten oder Studien vorsehen, insbesondere enthalten sie nicht den Zweck, die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in Ordensgemeinschaften zu finanzieren.
Die KOVOS legte an ihrer Generalversammlung im März 2023 dar, dass sie sich mit 10 Prozent an den geschätzten Kosten von 2,5 Mio. Schweizer Franken für die Studie 2024 bis 2026 beteiligen wird. Danach wird es eine zweite Vereinbarung geben. Die VONOS argumentiert in ihrem Kündigungsschreiben, dass die Kosten nicht absehbar sind und zusätzlich für die KOVOS durch die Nachfolgestudien des Pilotprojektes grössere administrative Kosten anfallen. Da die VONOS aktuell 14 Mitglied-Gemeinschaften mit insgesamt 1000 Mitgliedern zählt, sieht sie sich nicht in der Lage, die einzelnen Mitglieder-Gemeinschaften mit höheren Beitragszahlungen an die KOVOS zu belasten.

Ganz allgemein hatte sich die VONOS mit der «Umwandlung» der KOVOSS/CORISS im Jahr 2019 in den zivilrechtlichen Verein KOVOS eine Vereinfachung dank neuer Strukturen erhofft. «Die VONOS braucht trotz der Gründung des zivilrechtlichen Vereins der KOVOS weiterhin zu hohe personelle und finanzielle Ressourcen für ihre Tätigkeit», erklärt Präsidentin Sr. Annemarie Müller. «Durch das Älter- und Weniger-Werden der Ordensfrauen in den Mitglieder-Gemeinschaften wird es je länger je schwieriger, geeignete Ordensschwestern für zusätzliche Aufgaben zu finden.»

Die Pilotstudie habe die VONOS als Mitglied der KOVOS unterstützt. Deren Finanzierung wurde jedoch von der SBK mit 60 %, der RKZ mit 30 % und der Vereinigung der Ordensmänner (VOS'USM) mit 10 % sichergestellt. Neben den bereits erwähnten Punkten, lehnt die VONOS eine Mitfinanzierung der erwähnten Nachfolgestudie auch ab, «weil sie nicht bereit ist, für etwas zu bezahlen, bei welchem Ordensfrauen vielmehr Opfer als Täterinnen waren», so Sr. Annemarie Müller.

An ihrer diesjährigen Generalversammlung haben die Mitglieder-Gemeinschaften der VONOS einen einmaligen Solidaritätsbeitrag an die KOVOS zugunsten der Nachfolgestudie beschlossen.

Das Thema Missbrauch beschäftigt die VONOS auch weiterhin. «Einige Mitgliedergemeinschaften haben das Thema Missbrauch bereits aufgearbeitet», weiss Sr. Annemarie Müller. «Zudem organisieren wir als VONOS für die Schwestern mit Leitungsaufgaben einen Bildungstag im November im Kloster Ingenbohl zum Thema ‹Umgang mit Missbrauch›. Hier wird eine Fachperson über Traumareaktionen im Ordensleben referieren und mit den Teilnehmerinnen Handlungsmöglichkeiten besprechen.»

Austritt der Ordensfrauen führt nicht zu Konsequenzen
«swiss-cath.ch» hat auch bei der KOVOS nachgefragt. Ihr Präsident, Br. Daniele Brocca, hat uns geantwortet, aber gleich einen Vorbehalt gemacht: «Bitte beachten Sie, dass ich selbst als Präsident nicht Mitglied der KOVOS und ihrer GV bin. Daher ist mein Wort nur mein Wort und keine offizielle Stellungnahme der KOVOS.»

Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» hatte Sr. Annemarie Müller erklärt: «Wir fühlten uns überrumpelt, als wir hörten, dass wir die Nachfolgestudie der Uni Zürich mitfinanzieren sollten.» Wir wollten von Br. Daniele Brocca wissen, wie das möglich ist, setzte sich doch der Vorstand der KOVOS aus zwei Frauen und zwei Männern zusammen, zudem gibt es mehr Frauengemeinschaften als Männergemeinschaften. Der Präsident der KOVOS weist darauf hin, dass die Vereinigungen, die der KOVOS angehören, unabhängig von der KOVOS handeln können. Die Aufgabe der KOVOS und ihres Vorstandes sei es, die Entscheidungen der Generalversammlung auszuführen. «Es geht bei Entscheidungen der KOVOS um die Mehrheitsentscheidungen, wobei wir bemüht sind, eine gewisse Einheit zu erreichen.» Und er schreibt weiter: «Die Problematik der Stellung der Ordensfrauen gegenüber Ordensmännern oder besser gesagt gegenüber der (Männer-)Hierarchie greift eben auf die Problematik der Stelle der Frauen in der Kirche.» Zu dieser Problematik habe es im Februar 2019 ein Seminar der damaligen KOVOSS’CORISS gegeben. Ein weiterführendes Treffen war angedacht, wurde aber durch die Pandemie gestoppt. «Die Generalversammlung ist zurzeit jedoch mit anderen wichtigen Themen beschäftigt, aber es wäre wünschenswert, dass dieses Thema zur Diskussion auf dem Tisch kommt.»

«swiss-cath.ch» fragte weiter, wie die zugesagten Fr. 250 000 an die Folgestudie nach dem Wegfall der Frauengemeinschaften generiert werden. Die Antwort von Br. Daniele Brocca hilft nicht wirklich weiter: «Die KOVOS als solche, gleich wie die verschiedenen Vereinigungen, verfügt über bescheidene Finanzmittel, um ihre Grundaufgabe zu erfüllen. Alle Gemeinschaften [der KOVOS], ob männlich oder weiblich, wurden dazu eingeladen, ihre Unterstützung je nach ihren Möglichkeiten für die Folgestudie der Pilotstudie zu gewährleisten.»

Wissenschaftlich auch weiterhin nicht gefragt?
Wir nutzten die Gelegenheit und wiesen auf die eklatanten Mängel der Pilotstudie hin (so wird z. B. der Forschungsgegenstand «sexueller Missbrauch» nicht definiert oder es wird von 1002 «Fällen» gesprochen, die jedoch nirgends belegt werden). Auf unsere Frage, ob sich die KOVOS dafür einsetzen werde, dass die Folgestudie den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Studie entspricht, antwortete Br. Daniele Brocca: «Dem Forschungsteam der Uni Zürich ist vertraglich Unabhängigkeit zugesichert worden. Die wissenschaftliche Überprüfung soll über den Dialog, Werkstätten, Seminare der Forscher mit ihren Fachkollegen anderer Universitäten und Institute geschehen. Wenn das Forscherteam den Auftraggeberinnen der Studie (SBK, RKZ, KOVOS) Platz lässt, darüber zu diskutieren, werden wir uns anhand der verschiedenen Rückmeldungen (falls es welche gibt) versichern, dass die Studie ihre Ansprüche erfüllt.»

Diese Antwort lässt uns etwas ratlos zurück. Eine Studie ist nur dann wissenschaftlich, wenn sie die wissenschaftlichen Grundkriterien erfüllt. Als Arbeitgeberinnen dürften hier die SBK, RKZ und KOVOS auf Einhaltung der wissenschaftlichen Kriterien bestehen; dies hätte in keinster Weise Einfluss auf die Unabhängigkeit der Studie. Zudem gab es von verschiedenster Seite Kritik an der Pilotstudie. Somit wäre es sogar die Pflicht der Auftraggeberinnen, bei den Forscherinnen Wissenschaftlichkeit anzumahnen – schliesslich wird die Studie aus Kirchensteuergeldern finanziert.*

Was auffällt: Beim sogenannten Werkstattgespräch vom 27. Mai 2024, an dem «ausgewählte» Journalisten über den Stand der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche informiert wurden, wurde über die Folgestudie gesprochen, Abt Peter von Sury als Themenverantwortlicher der KOVOS unterliess es dabei aber, über den erfolgten Austritt der VONOS und den geplanten Austritt der kontemplativen Ordensschwestern zu unterrichten.

In der Medienmitteilung der KOVOS vom 17. Juni 2024 wird lange über die Entstehungsgeschichte der KOVOS referiert. Der Einwand der Frauengemeinschaften, dass sie nicht bereit seien, die Folgestudie mitzufinanzieren, da sie «mehr Opfer als Täter» seien, wird mit dem Satz «Die Frage nach der Finanzierung greift mit dem Schlagwort ‹Opfer› oder ‹Täter› zu kurz» abgetan.

Es ist noch ein langer Weg – sowohl in der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle wie auch in der Frage nach Gleichberechtigung.
 

*Korrektur 17. Juni 2024:  Br. Daniele Brocca macht uns darauf aufmerksam, dass der finanzielle Beitrag der Ordensgemeinschaften nicht aus Kirchensteuergeldern finanziert wird.


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

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Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin und arbeitete für die Schweizerische Kirchenzeitung SKZ.


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