Dem Gottesdienst stand der leitende Priester des Pastoralraums und Domherr des Bistums Basel, Stefan Essig, vor. Jeder von den Medien übertragene Gottesdienst ist eine Chance, Menschen die christliche Botschaft nahe zu bringen. Daher ist es lobenswert, wenn Pfarreien sich bereit erklären, einen grösseren Aufwand durch die Fernsehübertragung in Kauf zu nehmen, um dadurch zur Neuevangelisierung beizutragen. Problematisch wird es jedoch, wenn die Kamera nicht mehr ein neutrales Medium bleibt, welches das Geschehen in die Wohnzimmer trägt, sondern die Verantwortlichen dazu verleitet, die liturgischen Vorgaben zu missachten, um sich – im wahrsten Sinne des Wortes – selbst in Szene zu setzen. Wem das religiöse Leben im Bistum Basel vertraut ist, wird kritisch anmerken, dass die Verletzung der liturgischen Vorgaben nicht durch die Fernsehübertragung als solche vorgegeben wurde, sondern vielmehr zur Normalität in dieser Diözese geworden ist. Nirgends wird die Eucharistiefeier häufiger durch Wortgottesdienste verdrängt und nirgends ist es «normaler», dass der Priester – falls eine Eucharistiefeier überhaupt stattfindet – zum blossen Sprecher der Wandlungsworte degradiert wird, währenddem ein Laientheologe oder eine Laientheologin alle anderen Wortmeldungen samt Homilie in Beschlag nimmt. Diese dogmatisch-kirchenrechtswidrige Praxis der Laienpredigt innerhalb der Eucharistiefeier, die immer wieder vom Vatikan kritisiert und explizit verboten wurde, fand auch am Heiligabend in der Stadtkirche Baden statt. Der Gemeindeleiter Claudio Tomassini hielt die Homilie und nicht der Priester Stefan Essig. Das Glaubensbekenntnis des Konzils von Nizäa, dessen 1700-jähriges Jubiläum just 2025 gefeiert wurde, entfiel gänzlich. Es kam nicht einmal als Apostolisches Glaubensbekenntnis oder als Lied vor. Nach der Kommunion wurden dann die Gläubigen aufgefordert, die Kirche zu verlassen, um draussen den Segen zu empfangen. Bereits um 23 Uhr, also bereits eine halbe Stunde nach Beginn des Mitternachtsgottesdienstes, lud die katholische Kirche alle Menschen, die nicht an den Gottesdienst gingen, zum Apéro ein. In Anwesenheit des reformierten Pfarrers von Baden wurde dann der Schlusssegen erteilt und Stille Nacht gesungen. Lichterlöschen - Kamera aus.
Selbstverständlich sind kirchliche Vorschriften kein Selbstzweck, sondern haben stets dem grossen Ziel aller kirchlichen Lebensvollzüge, sprich dem Heil der Seelen, zu dienen. Aber gerade diese Art der Fernseh-Kirche zeigt auf, wie weit sich die Verantwortungsträger im Bistum Basel vom obersten Prinzip der Kirche entfernt haben und man ihr Handeln nicht einmal mehr aus pragmatisch kurzfristigem Denken heraus rechtfertigen kann.
Homilie in der Weihnachtsmesse: ein Laie muss es sein
Beginnen wir bei der Laienpredigt. Bei ausländischen Priestern wird diese oft unter dem Vorwand der besseren Verständlichkeit der Laienprediger betont, die meistens Deutsche oder Schweizer sind. Im Falle des Schweizers Stefan Essig konnten sich jedoch die Fernsehzuschauer davon überzeugen, dass sein Deutsch so akzentfrei ist wie dasjenige des Gemeindeleiters und deshalb dieser Erklärungsansatz, der ohnehin zumeist fragwürdig und von einem rassistischen Unterton begleitet wird, obsolet ist. Die vielen Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleiter, die im Bistum wirken, werden sich von nun an noch legitimierter fühlen, Priester noch weiter zu marginalisieren, wenn schon ein Domherr sich bereit erklärt, kirchenrechtswidrig auf die Homilie zu verzichten. Ein Vorgang also, der geeignet ist, grossen pastoralen Schaden anzurichten. Die Liturgie ist nur einer der vier Grundvollzüge, in denen Seelsorger wirken können. In Zeiten des Priester- und generell Seelsorgermangels (es gibt auch immer weniger ständige Diakone und Laientheologen) macht es keinen Sinn, dass zwei hauptamtliche Angestellte eine Messfeier vorbereiten, währenddem es in der Diakonie, Verkündigung und im Gemeindeaufbau mehr als genügend zu tun gäbe für nicht geweihte Seelsorger. Diese wie auch jede andere Laienpredigt in einer Eucharistiefeier verstösst nicht nur gegen das Kirchenrecht, sondern auch gegen jedes ökonomische, auf Arbeitsteilung ausgerichtete Denken.
Zu ökonomisch, getreu dem Motto «Zeit ist Geld», dachte man hingegen beim Weglassen des Glaubensbekenntnisses. Wahrscheinlich hatte man auch Angst, dass viele Gottesdienstbesucher, die nur an Weihnachten den Weg in die Kirche finden, ahnungslos und daher stumm dastehen würden, wenn der Glaube an die Dreifaltigkeit bezeugt wird. Da das Glaubenskenntnis alle wichtigen Bestandteile unseres Glaubens beinhaltet, wären die paar wenigen Minuten, die man hierfür benötigt hätte, eine perfekte Möglichkeit gewesen, religionsfernen Menschen den katholischen Glauben kurz und verständlich näherzubringen. Dass eine Pfarrei, die in den letzten zehn Jahren rund 20% Mitglieder verloren hat, darauf verzichtet, ist nicht nachvollziehbar.
Apéro und Stille Nacht draussen vor der Kirchentür
Den Fokus auf die Ökumene zu legen, war den Pfarreiverantwortlichen hingegen sehr wichtig. Im Jahre 2026 wird das 500-jährige Jubiläum der Badener Disputation gefeiert, an der Katholiken und Reformierte über den Glauben disputierten. Es ist verständlich, medienwirksam aufzeigen zu wollen, dass man mit den Protestanten (die übrigens in Baden in den letzten zehn Jahren noch mehr Mitglieder verloren haben als die Katholiken) ein harmonisches Miteinander pflegt. Wirklich mitbrüderlich wäre es jedoch gewesen, die reformierten Mitchristen in die Kirche einzuladen, anstatt ihnen auf dem Kirchplatz ein Ausharren bei Minustemperaturen zuzumuten. Auch wenn es vielleicht die Übertragung teilweise gestört hätte, wenn Menschen während der Messe in den Gottesdienst kommen, so wäre dies ein viel authentischeres Zeichen der ökumenischen Verbundenheit gewesen, als die Heilige Messe durch einen Apéro draussen vor der Kirchentür, der bereits eine halbe Stunde nach Messbeginn startete, zu konkurrenzieren. Kein weltliches Unternehmen würde das eigene Angebot konkurrenzieren. Man stelle sich einen Theaterbetrieb vor, der ein Stück aufführen lässt, am gleichen Abend jedoch ausserhalb des Theatergebäudes einen Apéro anbietet für die Menschen, die sich nicht für das Theater interessieren. Um den Gedanken weiterzuführen: Man stelle sich weiter vor, dass der Regisseur nach zwei gespielten Akten des Dramas die Zuschauer auffordert, das Theater zu verlassen, um draussen den letzten Akt anzusehen. Gerade ältere oder gehbehinderte Menschen würden ein solches Vorgehen nicht unbedingt als inklusiv betrachten, sondern als egoistische Selbstinszenierung des Regisseurs. Das gleiche Urteil trifft auch auf die Badener Pfarreiverantwortlichen zu. Natürlich bietet ein Kirchplatz voller singenden Menschen ein schönes Schlussbild für eine Fernsehübertragung, aber es macht pastoral keinen Sinn und sendet auch in der Ökumene ein fragwürdiges Signal. Vor 500 Jahren, im Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, konnten Katholiken und Reformierte die Stadtkirche gemeinsam benutzen, um über Fragen des Glaubens zu debattieren. Heute müssen die Reformierten draussen in der Kälte verharren, obwohl aus dogmatischer Sicht nichts dagegen gesprochen hätte, alle Menschen in die Kirche einzuladen. Heutzutage werden die Begriffe Klerikalismus und spiritueller Missbrauch geradezu inflationär gebraucht. Hier, bei der Weihnachtsmesse in der Stadtkirche Baden, wären diese Begriffe angebracht. Und um noch einmal auf die Laienpredigt zurückzukommen: Wenn schon die liturgischen Vorschriften nicht eingehalten werden und der Priester nicht die Homilie hält, dann hätte man genauso gut auch dem reformierten Pfarrer anbieten können, die Predigt zu halten. Ist die Liebe zur Ökumene doch nicht so stark wie das Ego einiger katholischer Laientheologen?
Dieser Fernsehgottesdienst verfolgte den Zweck, der Schweizer Öffentlichkeit eine potemkinsche Pfarrei zu zeigen, in der von aussen alles gut aussieht. Der pastorale und sakramentale Abbau, der seit Jahren in Baden vorherrscht, wird dadurch nicht gestoppt, sondern gefördert. Ebenfalls fördert die grosse Passivität vieler lehramtstreuer Katholiken diesen Abbau. Das Bistum konnte bisher sicher sein, dass auch der grösste Unsinn und die grösste Verletzung der liturgischen Ordnung nicht nach Rom gemeldet wurden, da viele hiesigen Katholiken – und dies betrifft nicht nur die Aargauer Katholiken – lieber die gesamte Weltkirche ändern wollen, anstatt lokal den Mut zu zeigen, gegen Missstände anzukämpfen. Das Grundgefühl, ohnehin nichts ausrichten zu können, stammt aber sicherlich nicht vom Heiligen Geist, sondern wurzelt in der eigenen Feigheit und Bequemlichkeit. Daher hier ein Neujahrsvorsatz, den alle Laien beherzigen sollten: Seien wir keine Fernseh-Kirche, sondern eine handelnde Kirche von mutigen Katholiken, die ihre Rechte kennen und sich für eine authentische Kirche einsetzen.
Eine Gruppe von kroatischen Katholiken aus Stuttgart ist mit dem guten Beispiel vorangegangen: Mit einem offenen Brief zuhanden des Ortsbischofs und die Deutsche Bischofskonferenz reichten sie Protest ein: Gegen die ARD-Übertragung eines katholischen Gottesdienstes, in welchem ein mit Schleim zugekleisterter Erwachsener als «Jesus-Kind» in der Krippe lag.
Gastkommentare spiegeln die Auffassungen ihrer Autorinnen und Autoren wider.
Kommentare und Antworten
Bemerkungen :
Es handelt niemand, weil sie keine Kenntnisse von der Liturgie haben. In diesem Zusammenhang muss man vom Gestalten der Gottesdienste wegkommen, denn das führt in die Irre. Da die Misstände gross sind, wäre es gut, wenn man Videos sendet, wo katholische Gottesdienste korrekt zelebriert werden. Ausserdem würde eine katholische liturgische Bildung allen gut tun.
Wir müssen vielleicht anfangen noch intensiver für die Bekehrung der solcher Hirten zu beten, und den Herrn bitten, vergib ihnen den sie wissen nicht was sie tun. (obwohl sie es genau wissen)
Jedermann weiss, dass der Schweizer Sonderweg von Rom gedeckt wird. Sonst wäre er schon lange abgeschafft. Schon unter Bischof Wüst wurde die Installation von Gemeindeleitern von Rom gerügt. Weiter geschah NICHTS.
Auch beim ad limina-Besuch 1997, wesentlich gegen Bischof Haas, wurden diplomatische Floskeln ausgetauscht, wonach laut Papst JP II niemand an der Liturgie etwas ändern dürfe.
Da lacht ja ein Pferd mit Gummizähnen.
Doch was heisst Gottesfurcht in der Sprache unseres Glaubens? Sie ist keine Angst vor Gott. Sie ist Ehrfurcht. Sie ist die Anerkennung, dass Gott, unser Schöpfer, der Herr ist, dem wir die ihm gebührende Ehre erweisen und dessen Geboten und Weisungen zu befolgen wir uns bemühen. Sie ist die Haltung des guten Kindes gegenüber seinem liebenden Vater. Sie weiss, dass dieser nicht willkürlich oder gar aus Rache handelt, sondern immer nur das Beste für es will, selbst dort, wo es ihn nicht, noch nicht, versteht. Sie ist jene Weisheit, welche eine reibungslose Beziehung zu Gott ermöglicht und so unseren durch diese Welt hin zur ewigen Heimat sicherer macht.