Pier Giorgio Frassati in seinen geliebten Bergen. (Bild: Luciana Frassati, Public domain via Wikimedia Commons)

Weltkirche

Zwei Beru­fun­gen im Zei­chen der Eucharistie

Die­sen Sonn­tag wer­den in Rom zwei junge Ita­lie­ner hei­lig­ge­spro­chen: der «Cybe­ra­pos­tel» Carlo Acu­tis sowie der «Sozi­al­apos­tel» und Patron der Welt­ju­gend­tage Pier Gior­gio Fras­sati. Zwei Män­ner, die nicht zur glei­chen Zeit leb­ten, sich aber in vie­len Punk­ten ähn­lich waren.

Mit Carlo Acutis wird erstmals ein Millennial heiliggesprochen. 1991 war die Geburtsstunde des Internets und auch das Geburtsjahr des neuen Heiligen. Carlo Acutis betete von klein auf regelmässig den Rosenkranz und besuchte die Heilige Messe. Den katholischen Glauben hatte er von seinem polnischen Kindermädchen gelernt – die Eltern waren keine praktizierenden Katholiken. Da der Pfarrer seine grosse Liebe zum eucharistischen Jesus erkannte, durfte Carlo bereits mit sieben Jahren die Kommunion empfangen.

Als Kind der 90-Jahre liebte er seine Playstation und das Internet. Bereits mit sieben Jahren erhielt er seinen ersten Computer, mit neun Jahren brachte er sich das Programmieren bei. Mit erst elf Jahren erstellte er eine Website zu den eucharistischen Wundern. 146 Wunder waren auf seiner Webseite zu finden, als er diese 2005 abschloss. Seine Eltern mussten ihm versprechen, dass sie mit ihm all die aufgeführten Orte besuchen würden, was sie ihm grösstenteils ermöglichten. Man versteht, warum die Kirche Carlo Acutis zum Schutzheiligen des Internets erklären wird.

Als Carlo das Gymnasium besuchte, gestaltete er eine Wanderausstellung zu den eucharistischen Wundern aufgrund seiner Internetrecherchen. Diese wurde mittlerweile in tausenden Pfarreien auf allen fünf Kontinenten gezeigt.

«Carlo verstand nicht, warum einige seiner Altersgenossen nicht das gleiche Verständnis und die gleiche Hingabe für die Eucharistie hatten. Er fragte seine Eltern, warum die Leute bei Fussballspielen oder Rockkonzerten Schlange stehen, aber keine Menschen, die sich anstellen, um das Allerheiligste Sakrament zu sehen», sagt Courtney Mares, die ein Buch über den künftigen Heiligen verfasst und dafür mit vielen seiner Weggefährten gesprochen hat.[1]

Besonders fasziniert war Carlo von Franz von Assisi. Wie dieser wollte er sich für die Ärmsten einsetzen. Er lebte deshalb sehr bescheiden und half mit seinem Taschengeld Obdachlosen. Er brachte ihnen zu Essen, manchmal war es auch sein eigenes Essen, das er weitergab. Er erzählte gerne und offen von seinem Glauben und lud seine Mitschüler in den Gottesdienst ein.

Im Oktober 2006 wurde bei ihm eine akute Form von Leukämie diagnostiziert. Er opferte sein Leiden für die Kirche und den Papst auf. Nur wenige Tage nach der Diagnose, gestärkt durch die Eucharistie und die Krankensalbung, starb Carlo am 12. Oktober 2006 im Alter von erst 15 Jahren.

Bei der Beerdigung wunderte sich seine Familie über die vielen Trauergäste, die sie gar nicht kannten; zahlreiche unter ihnen waren Obdachlose, denen Carlo geholfen hatte, ohne dass seine Familie davon wusste.

Carlo Acutis wurde zunächst in der Familiengruft beigesetzt, 2007 dann auf den städtischen Friedhof in Assisi überführt, um seinen Wunsch zu erfüllen, in der Stadt des heiligen Franziskus zu sein. Seit April 2019 ruhen seine sterblichen Überreste in der Wallfahrtskirche «Santa Maria Maggiore» in Assisi.

Am 10. Oktober 2020 wurde Carlo Acutis in Assisi seliggesprochen.
 


Pier Giorgio Frassati, der «Mann der Seligpreisungen»
Turin ist die Stadt des grossen Heiligen Don Bosco. Nur gerade 13 Jahre nach dessen Tod kam in der italienischen Stadt am 6. April 1901 Pier Giorgio Frassati zur Welt. Seine Mutter war Malerin, sein Vater Gründer der grossen Tageszeitung «La Stampa» und Politiker. Der Glaube spielte in der Familie keine grosse Rolle: Seine Mutter war eine «Papier-Katholikin», sein Vater Agnostiker.

Doch Pier Giorgio wollte schon in der Schule die Heilige Messe besuchen. Sein tiefer Glaube nährte sich aus der täglichen Eucharistie, dem Gebet und der häufigen Beichte. Er liebte das Wort Gottes. Zu seiner Zeit war die Heilige Schrift den Geweihten vorbehalten, doch er besorgte sich die Texte, um sie selbst zu lesen.
Er verbrachte viele Nächte in der Anbetung. Dabei war er so ins Gebet vertieft, dass er nicht bemerkte, wie ihm einmal heisser Wachs einer Kerze auf den Kopf tropfte.

Wie Carlo Acutis nutzte er sein Geld, um Armen und Kranken mit Essen und Kleidung zu helfen. Manchmal kaufte er einem Obdachlosen ein Busticket und musste selbst zu Fuss nach Hause gehen. Seine Fürsorge alt auch Soldaten, die vom Ersten Weltkrieg nach Hause kamen. Er sah in den Hilfsbedürftigen Christus selbst: «Um die Kranken, die Armen und die Unglücklichen herum sehe ich ein besonderes Licht, ein Licht, das wir nicht haben.» Er ist Mitglied in vielen katholischen Vereinen, so auch in der Vinzenz-Konferenz.

1918 begann er ein Studium des Bergbauingenieurwesens an der Universität Turin, um sich Christus unter jenen Bergleuten widmen zu können, die zu den wenigsten qualifizierten Arbeitern gehörten. Gleichzeitig wurde er politisch aktiv. Er war überzeugt, dass Faschismus und Kommunismus falschen Wege waren, um die Arbeitsverhältnisse zu verbessern, und schloss sich der neu entstandenen christlich-demokratischen Bewegung an.

Als sein Vater 1920 italienischer Botschafter in Deutschland wurde, zog die Familie nach Berlin. Auch hier war Pier Giorgio nachts in den Armenvierteln unterwegs. Dabei dachte er auch über seine Berufung nach. Er entschied sich gegen ein Leben als Priester, da er davon überzeugt war, Jesus als Laie besser dienen zu können. Die Schriften der heiligen Katharina von Siena und die leidenschaftlichen Reden Savonarolas veranlassten ihn 1922, unter dem Namen Bruder Girolamo in den Dritten Orden der Dominikaner einzutreten. Als grosser Anhänger des heiligen Dominikus betete er jeden Tag den Rosenkranz.

Als in Italien Mussolini an die Macht kam, wurde sein Vater abberufen. Vater und Sohn Frassati kämpften gemeinsam gegen den Faschismus: Morddrohungen und Einbrüche in das Familienanwesen in Pollone waren die Folge. Doch Pier Giorgio schöpfte aus der Eucharistie und dem Gebet Kraft für sein politisches und soziales Engagement.

Er ging ins Theater, in die Oper, liebt Malerei und Musik und kennt ganze Passagen aus Dante auswendig. Doch Pier Giorgio nutzte jede Gelegenheit, um den Menschen Gott näher zu bringen. So wettete er z. B. beim Billardspielen mit Mitstudenten: «Wenn ich gewinne, gehst du mit mir in den Gottesdienst!» Auch zu seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Bergsteigen, nahm er regelmässig Freunde mit, um mit ihnen über den Sinn des Lebens zu diskutieren.

Doch dann steckte sich Pier Giorgio bei der Arbeit im Dienst der Armen Ende Juni 1925 mit Kinderlähmung an. Zur gleichen Zeit lag seine Grossmutter im Sterben. Er wollte, dass sich alle um sie kümmerten und so verschwieg er seinen Zustand. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, die Schmerzen nahmen zu, doch er sorgte sich nur um andere: Auf dem Sterbebett schrieb er auf einen Zettel: «Hier ist Conversos Medizin. Bitte erneuere die Zahlung für mich, ich habe es vergessen.»

Pier Giorgio Frassati starb am 4. Juli 1925, gerade einmal 24 Jahre alt. 10 000 Menschen kamen zu seiner Beerdigung, zum Erstaunen seiner Eltern, die  – wie die Eltern von Carlo Acutis – keine Ahnung von seinen Werken der Nächstenliebe gehabt hatten. Nach seinem Tod bekehrten sich seine Eltern zum Glauben.

1989 besuchte der Papst Johannes Paul II. sein Grab. Bei der Seligsprechung von Pier Giorgio im Jahr 1990 nannte er ihn den «Mann der acht Seligpreisungen», da er in Frassatis Leben die Lehren der Bergpredigt auf besondere Weise umgesetzt sah.

Ursprünglich war die Heiligsprechung von Pier Giorgio Frassati für den 3. August vorgesehen, am letzten Tag des Weltjugendtreffens in Rom. Aufgrund des Todes von Papst Franziskus und der Wahl von Papst Leo XIV. musste das Datum verschoben werden. Doch die Verantwortlichen wollten die vielen jungen Menschen aus aller Welt nicht enttäuschen. So brachte man die sterblichen Überreste des seligen Pier Giorgio von Turin nach Rom in die Kirche Santa Maria sopra Minerva. Dort ruhte er vor dem Schrein der heiligen Katharina von Siena und wurde von Tausenden von Jugendlichen besucht.

Zwei Heilige, eine Liebe
Für Carlo Acutis und Pier Giorgio Frassati war die Eucharistie das Zentrum ihres Lebens; sie erkannten in ihr die wahre Gegenwart Jesu Christi. Sie schöpften aus der täglichen Eucharistie die Kraft, sich für Arme und Benachteiligte einzusetzen, ohne dies an die grosse Glocke zu hängen. Für sie gehörte das ganz selbstverständlich zum Leben als Katholik. Genau wie die Verkündigung des Evangeliums.

Die beiden neuen Heiligen zeigen, dass sich Glaube, Humor und «normales» Leben nicht gegenseitig ausschliessen. Durch die Biografien von Carlos Acutis und Pier Giorgio Frassati sehen wir auch, dass Heiligkeit nicht eine Frage besonderer Begabung oder Werke ist, sondern im Alltag gelebt werden will.

 


[1] de.catholicnewsagency.com/news/15748/carlo-acutis-und-seine-autobahn-zum-himmel


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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