Hellebardier Robin Chanton. (Bild: zVg)

Weltkirche

Zwei Gar­dis­ten und ein Moment für die Ewigkeit

Es gibt Erleb­nisse, auf die man sich vor­be­rei­ten kann. Und es gibt Erleb­nisse, die einen trotz­dem mit­ten ins Herz tref­fen. Am 6. Mai 2026 steht unsere Fami­lie wie­der im Vati­kan. Wie­der wird einer unse­rer Söhne zusam­men mit andern Schwei­zer­gar­dis­ten ver­ei­digt. Und wie­der an einem Ort, an dem Geschichte, Tra­di­tion, Fami­lie und per­sön­li­che Gefühle sich sehr nahe kommen.

Und doch ist diesmal vieles anders: Beim ersten Mal bin ich als Vater wohl nervöser gewesen. Ich habe nicht genau gewusst, was auf mich zukommt. Ich habe versucht, jeden Moment festzuhalten, und gleichzeitig hat mich die Wucht des Ganzen fast überrollt. Dieses Jahr bin ich ruhiger. Ich kenne den Ablauf ein wenig. Vielleicht kann ich gerade deshalb diesmal mehr geniessen. Ich schaue bewusster. Ich höre genauer hin. Ich nehme mehr wahr. Die besondere Atmosphäre im Vatikan, die Gesichter der Gardisten, die Spannung vor der Feier und die würdige Kulisse, die einen fast automatisch still werden lässt.

Dann beginnt der Einmarsch. Die Gardisten treten auf. Die Uniformen leuchten. Die Schritte sitzen. Die Bewegungen sind klar, ruhig und präzise. Es ist eindrücklich, wie perfekt die Gardisten in die verschiedenen Stellungen wechseln. Jeder weiss, wo er steht. Jeder weiss, was er zu tun hat. Jeder ist Teil eines grösseren Ganzen. Man spürt: Das ist nicht einfach eine schöne Zeremonie. Das ist ein Dienst, der ernst genommen wird. Eine Tradition, die nicht nur gezeigt, sondern gelebt wird.
 


Für mich als Vater ist dieser Tag noch einmal ein besonderer, weil Giuliano und Robin beide in der Banda, der Musikkapelle der Schweizer Garde, sind. Als Vater hört man diese Musik anders. Man hört nicht nur Töne. Man hört Wege, Einsatz, Übung, Mut und ein Stück Familiengeschichte. Die ganze Familie ist da: Grosseltern, Tante, Onkel, Bruder und Schwester von Robin. Wir sind nicht einfach Zuschauer. Wir sind Zeugen eines Moments, der zu unserer Familie gehören wird. Ich schaue zu Robin und denke an seinen Weg. An seine ersten Wochen in der Garde. An das, was er erlebt, lernt und mitnimmt. Er hat mir einmal gesagt: «Am Anfang konnte ich mir das Stillstehen auf der Schildwache nicht gut vorstellen. Heute kann ich diese Zeit hervorragend nutzen, um über mein Leben nachzudenken und auch einen Rosenkranz zu beten.» Von aussen sieht man vielleicht die Uniform, die Haltung, die Disziplin. Vielleicht ist genau das eine der grossen Überraschungen: dass ein Dienst, der so militärisch und feierlich wirkt, einen jungen Mann auch innerlich wachsen lässt.

Robin hat auch gesagt: «Was ich in der Schweizergarde erlebe, ist noch viel grösser, als ich erwartet habe.» Wenn ich ihn an diesem Tag sehe, verstehe ich besser, was er meint. Die Garde ist nicht nur ein Arbeitsplatz. Sie ist Verantwortung und Geschichte. Nähe zur Kirche. Nähe zum Papst. Und sie ist auch ein Ort, an dem junge Männer gefordert werden, aber zugleich wachsen können.
 


Dann schreitet Kommandant Christoph Graf durch die Reihen. Er prüft, ob alles bereit ist. Ob die Haltung stimmt. Ob der grosse Moment kommen kann. Man spürt dabei: Er ist für die Gardisten nicht einfach nur ein Vorgesetzter. Da ist auch etwas Väterliches. Es wirkt, als seien diese jungen Männer für ihn nicht einfach Soldaten, sondern auch seine Jungen. Gardekaplan Kolumban Reichlin begleitet ihn durch die Reihen der Gardisten. Führung und geistliche Begleitung nebeneinander. Ordnung und innere Ruhe. Disziplin und Vertrauen. Es passt zu diesem Moment, weil die jungen Männer hier nicht einfach eine Aufgabe übernehmen. Sie stellen sich in einen Dienst, der mehr verlangt als korrektes Auftreten. Der Papst schaut aufmerksam zu.

Einer nach dem anderen tritt nach vorne. Dann kommt Robin. Für die anderen ist er in diesem Moment Hellebardier Chanton. Für mich ist er auch der Junge, den meine Frau und ich aufwachsen sahen. Der Sohn, den wir begleiteten, ermutigten, manchmal losgelassen und immer geliebt haben. Jetzt steht er dort, ernst, gesammelt und aufrecht. «Ich, Hellebardier Chanton, schwöre, alles das, was mir soeben vorgelesen wurde, gewissenhaft und treu zu halten, so wahr mir Gott und unsere heiligen Patrone helfen!» Ich bin stolz.
 


Auch das Wallis ist an diesem Tag für mich stark präsent. Unser Heimatkanton stellt aktuell die grösste Delegation in der Schweizergarde. Nach schwierigen Wochen seit dem Jahreswechsel tut es gut, in Rom junge Walliser in diesem Dienst zu sehen. Für mich strahlen die Sterne auf unserem Wappen an diesem Tag wieder heller. Nicht, weil alles Schwere verschwunden ist, sondern weil solche Momente zeigen, dass Hoffnung und Kraft trotzdem da sind.

Als Vater dieses Erlebnis zweimal haben zu dürfen, ist etwas Aussergewöhnliches. Giuliano und Robin auf diesem Weg zu sehen, erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit. Es ist ein Geschenk, das man nicht selbstverständlich nehmen kann. Und ihre Geschwister Louise und Hannes bringen es auf den Punkt: «Wir sind wirklich sehr stolz auf unsere beiden Brüder.»


Dominik Chanton


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