(Symbolbild: Pixabay/Pexels)

Weltkirche

Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil als Start­rampe für eine andere Kirche?

Der Ent­scheid von Papst Fran­zis­kus, eine Frau als Prä­fek­tin des Ordens­di­kas­te­ri­ums ein­zu­set­zen, hatte inner­kirch­lich für Span­nun­gen gesorgt. Kar­di­nal Marc Ouel­let ver­tei­digt jetzt die­sen «pro­phe­ti­schen Ent­scheid» des ver­stor­be­nen Pon­ti­fex. Mar­tin Gricht­ing wider­spricht ihm in einem Offe­nen Brief.

Papst Leo XIV. bestätigte am 14. Februar 2026 die Mitglieder des «Dikasteriums für die Bischöfe», unter ihnen die noch von Papst Franziskus ernannten Raffaella Petrini und María Lía Zervino. Neu berief er auch die Ordensfrau Simona Brambilla in das Gremium. Sie war im Januar 2025 von Papst Franziskus zur Präfektin des «Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens» ernannt worden – eine Berufung, die theologisch und kirchenrechtlich höchst umstritten ist.

Weihesakrament nicht einzige Quelle für Leitungsaufgaben
Die französischsprachige Webseite von VaticanNews veröffentlichte am 16. Februar einen Kommentar von Kardinal Marc Ouellet, emeritierter Präfekt des «Dikasteriums für die Bischöfe». In diesem reflektierte er über die Ernennung von Laien in Führungspositionen innerhalb der Römischen Kurie. «Zu den mutigen Entscheidungen von Papst Franziskus gehört die Ernennung von Laien und Ordensschwestern in Führungspositionen, die normalerweise ordinierten Geistlichen, Bischöfen oder Kardinälen in den Dikasterien der Römischen Kurie vorbehalten sind», so Kardinal Ouellet. Er gibt zu, dass diese Ernennungen die durch das Zweite Vatikan bekräftigte Praxis, Führungspositionen ordinierten Geistlichen zu übertragen, widersprechen. Es gehe nicht darum, den dogmatischen Fortschritt des Konzils infrage zu stellen, wonach das Bischofsamt eine eigene Stufe des Weihesakraments ist, mit der notwendigerweise die Aufgaben des Lehrens, Heiligens und Leitens verbunden sind. «Das bedeutet jedoch nicht, dass das Weihesakrament die ausschliessliche Quelle jeder Leitung in der Kirche ist.»

Kardinal Ouellet verweist auf das Wirken des Heiligen Geistes, das sich auch in den Charismen und Diensten manifestiert. Es gehe nicht darum, eine hierarchische Regierung durch eine charismatische Führung zu ersetzen, und auch nicht darum, ihnen [Laien und Ordensleuten] im christologischen Sinne sakramentale Aufgaben zu übertragen, sondern ihre Charismen in den Dienst des Heiligen Geistes zu integrieren, der die Gemeinschaft der Kirche in all ihren Ausdrucksformen leitet.» Gleichzeitig gibt er zu, dass «wir wenig Erfahrung darin haben», die Gegenwart und das Wirken des Heiligen Geistes zu erkennen.

Leitung durch Laien in gewissen Fällen angebracht
Dass einige Dikasterien von kompetenten Personen, Laien oder Ordensleuten, deren Charisma von der höchsten Autorität anerkannt ist, geleitet werden, schmälere nicht den Wert ihres Dienstes aufgrund eines Mangels an sakramentaler Vollmacht (pouvoir d’ordre). «Die Charismen des Heiligen Geistes haben ihr eigenes Gewicht an Autorität in Bereichen, in denen die sakramentale Weihe nicht erforderlich ist, wo es sogar angebracht sein kann, dass die Kompetenz einer anderen Ordnung zukommt.» In der Personal- oder Finanzverwaltung oder dem ökumenischen Dialog – diese gelten nur als Beispiele – «kann man sich eine Zusammenarbeit zwischen Klerikern, Laien und Ordensleuten vorstellen, in der die untergeordnete Stellung des geweihten Amtsträgers weder unangemessen noch fragwürdig wäre.»

Die Tradition der grossen Orden und der verschiedenen Formen des geweihten oder apostolischen Lebens setzt eine interne Leitung innerhalb des Charismas voraus. Daraus folgert Kardinal Ouellet: Wenn der Papst eine Frau zur Leiterin eines Dikasteriums ernennt, delegiert er seine Jurisdiktion nicht «an irgendeine Person», sondern er vertraut einer Person, die aufgrund eines Charismas als kompetent anerkannt ist, eine höhere Verantwortung an, die durch die übergeordnete Jurisdiktion des Heiligen Vaters über die Römische Kurie gewährleistet bleibt.

Kardinal Ouellet plädiert dafür, den Dialog zwischen Kanonisten und Theologen im Lichte der Pneumatologie wieder aufzunehmen, damit sich «ein ‹Recht der Gnade› friedlich entfalten kann, bis hin zur Freiheit, charismatische Personen, Laien oder Ordensleute, in Führungspositionen in der Römischen Kurie und in den Diözesanverwaltungen zu integrieren.»

Auf diesen Kommentar antwortete Martin Grichting auf «kath.net» mit einem Offenen Brief.

Widersprüchliche Argumentation
Darin führt er aus, Kardinal Ouellet habe in seinem Kommentar versucht, die faktische Zurückweisung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die Päpste Franziskus und Leo XIV. betreffend das Weihesakrament und die potestas sacra zu legitimieren. «Diese Päpste haben Laien zu Inhabern von kirchlichen Ämtern ernannt, welche die Ausübung der potestas sacra mit sich bringen, wofür diese Laien jedoch aufgrund der fehlenden Weihe keine Habilität besitzen.»

Martin Grichting weist auf einen Widerspruch in der Argumentation von Kardinal Ouellet hin: Dieser begründe die Zulassung von Laien zu Führungspositionen mit den vom Heiligen Geist gewirkten Charismen. Zugleich betone er mehrfach, dass die Bedeutung der Charismen in der Kirche sowie ihre Zuordnung zum apostolischen Amt noch vertieft studiert werden müsse. «Aber wenn es so wäre, dass es bezüglich der Zuordnung von Charisma und Amt bedeutende Unklarheiten geben sollte – was ich bezweifle –, entlarven Sie durch Ihre Argumentation das Handeln der erwähnten Päpste als Willkürakte. Denn wenn es offenbar in wichtigen Fragen nicht klar ist, wie die Dinge lehramtlich und theologisch liegen, darf man nicht Fakten schaffen, wie es geschehen ist. Das ist nicht prophetisch, sondern verantwortungslos und wirkt spaltend.»

Er betont, dass die Charismen immer dem von Jesus Christus geschaffenen (Lehr-)Amt unterworfen waren und verweist auf LG 12, wonach das Urteil über die Echtheit von Charismen und ihren geordneten Gebrauch jenen zusteht, die in der Kirche die Leitung haben. Martin Grichting daraus zieht den Schluss: «Das Weihesakrament ist deshalb, anders als Sie behaupten, die einzige Quelle der Leitung, die es in der hierarchisch-sakramental verfassten Kirche gibt.» Und er fügt als kleinen Seitenhieb an: «Charismen sind im Übrigen keineswegs das Proprium der Laien, von dem aus sie vermeintlich den Klerikern Paroli bieten könnten: Der Hl. Geist ‹verteilt unter den Gläubigen jeglichen Standes auch besondere Gnaden› (LG 12).»

Da die Offenbarung mit Jesus Christus abgeschlossen ist, kann der Heilige Geist nicht nach 2000 Jahren Charismen hervorrufen, «die neben dem durch das Weihesakrament geschaffenen hierarchisch-sakramentalen Wesen der Kirche eine zweite, auf ‹Charismen› begründete Basis schafft, aufgrund derer es ebenfalls Leitung in der Kirche geben kann». Dies würde zu einem Kompetenzkonflikt innerhalb der Trinität führen.

Verheerende Auswirkungen von «Praedicate Evangelium»
Martin Grichting gibt Kardinal Ouellet insofern Recht, als auch eine Frau in einem staatlichen Gebilde wie dem Vatikanstaat Leitungsfunktionen übernehmen kann; es bedürfe auch keiner potestas sacra, um eine vatikanische Kommunikationsabteilung oder eine Bibliothek zu leiten. Doch in der Kurienkonstitution «Praedicate Evangelium» (2022) steht : «Jede kuriale Einrichtung erfüllt ihren eigenen Auftrag kraft der Vollmacht, die sie vom Papst erhalten hat, in dessen Namen sie mit stellvertretender Gewalt [potestas sacra] in der Ausübung des primazialen Amtes handelt. Aus diesem Grund kann jeder Gläubige einem Dikasterium oder einem Organ abhängig von deren besonderer Zuständigkeit, Leitungsgewalt und Aufgabe vorstehen» (II.5). Nähme man «Praedicate Evangelium» wörtlich, könnte ein Laie Präfekt des «Dikasteriums für die Bischöfe» werden und die Dekrete unterzeichnen, mittels welcher Bischöfe als Apostolische Administratoren von Diözesen ernannt werden. «Also könnte gemäss ‹Praedicate Evangelium› ein Laie – Mann oder Frau – einer Diözese einen Bischof geben. Wollen Sie tatsächlich ‹Praedicate Evangelium› mit den verheerenden Konsequenzen rechtfertigen, die dieses Dokument für die Sakramentalität der Kirche mit sich bringt?»

Als manipulativ erachtet er die Argumentation von Kardinal Ouellet betreffend die Präfektin des Ordensdikasteriums. Jesus Christus habe die Apostel gesandt, aber keine Orden gegründet. «Die Leitungsvollmacht in den Orden leitet sich deshalb nicht vom apostolischen Amt her, sondern aus der Vereinigungsfreiheit der Gläubigen – oder wenn Sie wollen – vom Charisma. Dies mit der kirchenamtlichen Leitungsvollmacht über diese Gebilde in eins zu setzen, wie Sie es tun, ist nicht ehrlich.» Das Charisma der Orden werde vom Amt geprüft, anerkannt und geordnet; dies ist die Aufgaben der Geweihten, nicht von Laien.

Weg ins Schisma
Martin Grichting weist in seinem Offenen Brief auf die Gefahr hin, dass die These, nach der es eine vom Amt verschiedene, pneumatologische Habilität für die Übernahme von Leitungsgewalt in der Kirche gibt, ins Schisma führt. Er erkennt im Kommentar von Kardinal Ouellet auch den Versuch, «eine kirchenpolitische Strategie des ‹Opting out›» zu legitimieren». Will heissen: «Der Papst kann sich von der Beachtung der Lehre, wie sie vom Zweiten Vatikanischen Konzil in LG 21 festgehalten wurde, dispensieren.» Gemäss Martin Grichting wird in der Kanonistik bereits darauf fussend gefordert, dass Diözesanbischöfe Laien als Generalvikare ernennen dürfen. Der Piusbruderschaft wurde kürzlich angeboten, über Mindestanforderungen für die volle Gemeinschaft mit der Kirche zu verhandeln. «Sind ‹Sacrosanctum Concilium› und ‹Dignitatis Humanae› oder Teile davon eine Verhandlungsmasse im Rahmen eines Opt-out für Traditionalisten?», fragt er. Gibt es dann auch ein «Opt-out» für die Kirche in Afrika betreffend die Polygamie oder für die Kirche in Belgien betreffend den assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen? «Und man sieht, wo dies endet: in Nationalkirchen, im Schisma.»

Martin Grichting ruft dazu auf, dass alle – Papst, Kardinäle, Bischöfe, Priester, Laien (auch im geweihten Stand) – auf der Basis der immerwährenden Lehre der Kirche, in die der Geist Gottes uns immer tiefer einführt, vorangehen. Statt mit dem «Feuer einer chimärischen Kirche des Heiligen Geistes» zu spielen, gelte es, das Zweite Vatikanische Konzil «endlich in seinem Wortlaut anzuerkennen, aber auch ohne den Versuch, es bloss als Startrampe für eine neue Kirche zu betrachten. Das allein dient der Einheit der Kirche.»

 

Quellen

Kommentar von Kardinal Marc Ouellet auf VaticanNews

Offener Brief von Martin Grichting auf kath.net


Rosmarie Schärer
swiss-cath.ch

E-Mail

Rosmarie Schärer studierte Theologie und Latein in Freiburg i. Ü. Nach mehreren Jahren in der Pastoral absolvierte sie eine Ausbildung zur Journalistin.


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Bemerkungen :

  • user
    Daniel Ric 20.02.2026 um 08:55
    Die Frage nach der Leitung innerhalb der Kirche ist genauso wie die Frage, wer welche Autorität in der Kirche haben soll, eine leidige Angelegenheit, wenn nicht definiert wird, was man genau unter Leitung versteht. Im ganzen offenen Brief, den Grichting an Kardinal Ouellet geschrieben hat, wird nicht einmal erläutert, was und wer genau geleitet werden soll. Das wäre in Wirtschaft und Politik undenkbar. Die kirchliche Gemeinschaft besteht ja aus verschiedenen Grundvollzügen, nicht nur aus der Spendung der Sakramente und der Feier der Liturgie. Ich bin felsenfest der Meinung, gerade im Hinblick auf die Situation in der Deutschschweiz, dass Pfarreien und ganze Bistümer, bei denen Priester vom Altar weggedrängt werden, einen absolut falschen Weg gehen. Auf der anderen Seite verfehlt jeder Priester, der nicht die Demut besitzt, das Wort Jesu zu beherzigen, und Diener seiner Mitbrüder und Mitschwestern zu sein, seine Berufung. Dazu gehört auch, mit Laien zusammenzuarbeiten und sich in den Bereichen unterzuordnen, die nicht rein liturgisch oder sakramental sind. Ein Priester, der Laien beispielsweise vorschreiben möchte, wie die Diakonie oder der Gemeinschaftsaufbau in einer Pfarrei geregelt werden soll, überschätzt sich massiv und handelt nach geistlichen und menschlichen Massstäben dumm. Dass in der Deutschschweiz das Miteinander zwischen Laien und Geistlichen im Rahmen des dualen Systems in eine falsche Richtung ging, bedeutet nicht, dass andere Teile der Weltkirche keine Ausgewogenheit und Harmonie finden können, die sich fruchtbar aufs Glaubensleben auswirkt. Man sollte hier nicht einen zu starken helvetischen Blick auf die Weltkirche haben, sondern von positiven Beispielen innerhalb der Weltkirche lernen.