Mit spitzer Feder

Abt Peter von Sury: Sie­ger nach Punkten

In sei­ner vom Schwei­zer Radio und Fern­se­hen über­tra­ge­nen Homi­lie in der Mit­ter­nachts­messe im Klos­ter Mari­as­tein machte Abt Peter von Sury auf Under­state­ment: «Ich war am 12. Sep­tem­ber bei der Pres­se­kon­fe­renz der Uni­ver­si­tät zuge­gen. Da wurde der Öffent­lich­keit der ‹Bericht zur Pilot­stu­die der Geschichte des sexu­el­len Miss­brauchs im Umfeld der römisch-​katholischen Kir­che in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahr­hun­derts› vorgestellt.»

Von wegen «zugegen»: Tatsächlich war Abt von Sury einer der Protagonisten an dieser Pressekonferenz. In seiner Eigenschaft als langjähriger Präsident der KOVOS (Konferenz der Ordensgemeinschaften und anderer Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens in der Schweiz) inszenierte er sich im Duell mit Bischof Bonnemain, Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz, als Chefankläger und Richter in Personalunion: «Es gibt keine Entschuldigung, weder für die Verbrechen der Täter – und vereinzelt Täterinnen – noch für das Handeln der Vertuscher» dekretierte apodiktisch der Mariasteiner-Abt – und lieferte damit gleich ein Paradebeispiel des von ihm im gleichen Atemzug angeprangerten Klerikalismus. Als ob es nicht das ureigene Recht der Opfer wäre, selbst darüber zu entscheiden, ob sie ent-schuldigen oder eben nicht ent-schuldigen wollen.

Es scheint ganz so, als habe Abt von Sury diese Pilotstudie («Weltwoche»: «Ein Machwerk, eine Pseudostudie») immer noch nicht gelesen. Denn es hätte ihm auffallen müssen, dass die Missbrauchsbetroffenen zum Verdruss des Autorenteams ausdrücklich darauf bestanden, nicht als «Opfer» bezeichnet zu werden. Es hätte ihm des Weiteren auffallen müssen, dass die behaupteten 1002 Missbrauchsfälle abgesehen von wenigen sogenannten «Fallbeispielen» in der ganzen Studie nirgends belegt bzw. dokumentiert sind. A propos «Fallbeispiele»: Seite 67 der Pilotstudie beschreibt einen solchen Fall. Es handelt sich um einen in den 1950er-Jahren geweihten Priester, der trotz mehrerer Bewerbungen keine Stelle als Pfarrer erhielt. Resigniert schrieb er an den Generalvikar: «Aber immer haben es anonyme Dunkelmänner verstanden, den anfragenden Kirchenpflegen von mir abzuraten, obwohl das Volk mich überall, wo ich war, sehr schätzte. Fehler hat jeder und auch Feinde hat jeder: Wer diese Herren sind und was man mir vorzuwerfen hat, durfte ich nie wissen.» Keine Anzeige, keine Anklage und keine Verurteilung. Die Pilotstudie hält lediglich fest: «Es ist aufgrund der Indizien wahrscheinlich (!), dass sexuelle Missbrauchsfälle bekannt geworden oder zumindest in Umlauf waren.» Blosse Vermutungen bzw. Wahrscheinlichkeiten reichten dem Autorenteam der Pilotstudie also aus, diese causa in die Reihe der wenigen dokumentierten Fälle für sexuellen Missbrauch aufzunehmen. Das Prädikat «wissenschaftlich» kann eine solche Vorgehensweise im Ernst nicht beanspruchen.

Dem mit Zwangsgebühren durchgefütterten Schweizer Fernsehen war's egal, Hauptsache, Abt von Sury hatte seinen Part als «Richter gnadenlos» erfüllt. Prompt erhielten er und sein Kloster den Zuschlag für die Übertragung der Mitternachtsmesse. Nicht ohne Stolz bilanzierte er in seiner Mitternachtspredigt: «Ein paar Tage nach dieser Pressekonferenz vom 12. September wusste ich, dass ich am 24. Dezember in der Mitternachtsmesse predigen würde. Hier in Mariastein, inklusiv Radio- und Fernsehübertragung. Und ich wusste: Das wird schwierig werden.» Sein Problem: «Ich bringe es nicht auf die Reihe. Die Freude und sexueller Missbrauch. Das ist wie die Faust aufs Auge.» Damit machte Abt von Sury gleich ein weiteres Mal auf Understatement – eine Rolle, die ihm sichtlich behagt. Tatsächlich meisterte er den Spagat zwischen (Selbst-)Geisselung und Weihnachtsfreude souverän, indem er seinen Bannstrahl vom 12. September gleich selbst dementierte: «Es ist eine Freude, Kind und erst recht Kind Gottes zu sein. Es ist ein Geschenk, Mensch sein zu dürfen. Mensch zu werden. Aus dem einfachen und einzigen Grund, weil Gott uns Menschen grundlos liebt, einfach so, weil Gott uns Menschen vollkommen grundlos liebt. Amen.»

Kein Zweifel, dass Abt von Sury ganz bewusst auch die Missbrauchstäter in diese göttliche Verheissung miteingeschlossen hat. Einfach so, grundlos.


Niklaus Herzog
swiss-cath.ch

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Lic. iur. et theol. Niklaus Herzog studierte Theologie und Jurisprudenz in Freiburg i. Ü., Münster und Rom.


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    P. Ludwig Ziegerer OSB 28.12.2023 um 21:17
    Eine kleine Richtigstellung:
    Vor fast zwei Jahren wurden wir in Mariastein von Radio und Fernsehen SRF angefragt für die Übertragung der beiden Weihnachtsgottesdienste 2023 . Wir erhielten also nicht "prompt den Zuschlag für die Übertragung der Mitternachtsmesse. Wir haben nach langem Überlegen anfangs 2023 zugesagt.
    Intern haben wir Ende September entschieden, wer in der Vesper und wer in der Mitternachtsmesse predigt. So muss die Aussage des Abtes «Ein paar Tage nach dieser Pressekonferenz vom 12. September wusste ich, dass ich am 24. Dezember in der Mitternachtsmesse predigen würde" verstanden werden.
  • P. Andy Givel 28.12.2023 um 13:52
    Sehr geehrter Herr Herzog,
    auch Ihnen passieren Fehler.
    Abt Peter war nicht Präsident der KOVOS.
    Er war Präsident der VOS'USM.
    Freundliche Grüsse
    P. Andy Givel
  • user
    Stefan Fleischer 28.12.2023 um 11:00
    Dabei wäre diese ganze Studie die Möglichkeit gewesen, auf die eigentliche, tiefe Ursache des ganzen Missbrauchsskandals einzugehen und entsprechende Wege zur Lösung des Problems aufzuzeigen. Es ist doch die sich immer mehr ausbreitende Reduktion Gottes auf seine Liebe und seine Barmherzigkeit (oder müsste man es die Verharmlosung Gottes nennen?) welche der Sexualisierung der Gesellschaft und damit dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet hat. Neuevangelisation wäre angesagt, und zwar nach dem Erfolgsmotto des Völkerapostels: «Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung.» (2.Tim 4,2)