Neuerscheinungen

Auf der Suche nach den Quel­len unse­rer Kultur

Noch vor der Pan­de­mie – näm­lich im Jahr 2019 – ver­öf­fent­lichte der ita­lie­ni­sche Ver­lag Fel­t­ri­nelli ein wei­te­res Werk des Jour­na­lis­ten Paolo Rumiz. Der Ori­gi­nal­ti­tel des Buches lau­tet «Il filo infi­nito». Die deut­sche Aus­gabe des Folio Ver­la­ges über­setzt wort­ge­treu mit «Der unend­li­che Faden».

Wer etwas abseits der weltbewegenden Stories auf die Suche gehen möchte und – zumindest literarisch – unkonventionelle Orte aufzusuchen wünscht, dem ist der Reiseschriftsteller Rumiz wohl kein Unbekannter. Denn seit langen Jahren bereist Rumiz Italien und halb Europa, um über seine abenteuerlichen Erfahrungen authentisch berichten zu können.

Mit leichter Feder und eindrücklichen Sprachbildern nimmt Paolo Rumiz die Leserin respektive den Leser mit auf eine seiner unkonventionellen Touren: «Die Seele des Flusses» dokumentiert die herausfordernde Reise des Autors entlang des Flusses Po – von den hohen Bergen des Piemont bis zur Mündung des Flusses ins Adriatische Meer. Im Buch «Der Leuchtturm» erzählt Rumiz von der Wahrnehmung in der Einsamkeit – «erschüttert und beinahe demütig – als existenziellem Erlebnis». So schreibt die NZZ.

In deutscher Übersetzung ebenfalls erhältlich ist die Erinnerung des Reiseschriftstellers an seine Wanderung entlang der Via Appia – über 500 Kilometer lang schlängelt sich die erste grosse Strasse Europas von Rom nach Brindisi, vom Zentrum des Römerreiches zum berühmten Hafen an der Adria, dem Tor zum Osten.

Paolo Rumiz ist ein Schwergewicht unter den Reiseschriftstellern. Es gelingt ihm, tiefe Einsichten, philosophische, historische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse anhand geografischer Gegebenheiten in einem kunstvollen Puzzle zusammenzustellen. Scheinbar mühelos – doch dahinter steckt sehr viel Recherche-Arbeit! Dem Leser wird vor Augen geführt, dass unsere Welt nicht bloss aus multimedial aufbereitetem 3D-Spektakel besteht. Unsere (europäische) Geschichte, die Arbeit und die intellektuellen Leistungen unserer Ahnen, politische und soziologische Dynamiken steigen bei der Lektüre vor unseren Augen auf – ein fein gearbeitetes Relief bereichert all jene, welche sich von Rumiz an der Hand nehmen lassen.

Diese Meisterschaft des Autors zeigt sich auch beim Büchlein «Der unendliche Faden». Rumiz besuchte nach dem verheerenden Erdbeben von 2016 die Geburtsstätte des grossen Mönchsvaters Benedikt im italienischen Städtchen Nursia; in den folgenden Monaten reiste er zu weiteren 15 bedeutenden Klöstern in ganz Europa.

Wer mit hohem akribischem und wissenschaftlichem Anspruch an die Lektüre geht, wird wohl etwas enttäuscht sein. Denn das Werk ist keine Sammlung sämtlicher historischer Daten, Persönlichkeiten und bewegenden Ereignisse. Rumiz lässt in seiner Reise zu den Benediktinern – den Erbauern Europas, wie es im Untertitel heisst – seinem Gespür grosszügigen Lauf. Die Auswahl der besuchten Klöster wurde ihm nicht von der «Badia Primaziale Sant’Anselmo» (Primatsabtei St. Anselm) in Rom vorgeben, obwohl er dort um Hilfe bat, beim Bemühen, die wichtigsten Benediktinerklöster ausfindig zu machen, wie er auf Seite 43 der deutschen Übersetzung festhält.

Rumiz konsultiert Landkarten, er lässt sich berichten in Erzählungen und folgt seinem unglaublichen Instinkt im Bemühen, die attraktivsten Klöster Europas ausfindig zu machen. Ja – mit allen Sinnen taucht der Schriftsteller ein in die benediktinische Welt. Er freut sich an der dampfenden Suppe im Speisesaal der Gäste ebenso wie an gutem Wein, an langen nächtlichen Gesprächen genauso wie an exzellenter Architektur der Benediktinerklöster.

Man könnte von einer Art Gesamtkunstwerk sprechen, dem Rumiz sich verpflichtet fühlt. Keine gelehrte Auflistung, keine dogmatische Engführung, keine falschen Berührungsängste prägen sein Buch. Der unmittelbare Eindruck zählt, das feine menschliche Gespür für die guten Gesprächspartner dominiert das Buch – und wohl auch die dem Text vorausgegangene Reise. Rumiz schafft es, den Mönchen so manche Aussage zu entlocken. Wir lesen vom glücklichen Autor, dem es gelingt, die dem Schweigen verschriebenen Mönche aus ihrer Reserve zu locken: «Die Mönche kommen neugierig näher! Ich hoffe, sie helfen mir bei meiner Reiseplanung.» Doch bleibt letztlich eine kaum überbrückbare Distanz zwischen den Benediktinermönchen und dem Reiseschriftsteller. Trotz manch gelungener Gespräche. Rumiz fährt fort: Die Mönche «helfen mir bei meiner Reiseplanung, doch merkwürdigerweise geben sie mir nur spärliche Ratschläge». Rumiz wäre nicht Rumiz, wenn er nicht nach einer Erklärung für dieses Verhalten suchte. Und die folgt sofort: «Aufgrund des Stabilitas-loci-Gelübdes sind die Mönche an ein Leben an ein und demselben Ort gebunden; sie kennen nur ihr eigenes Gärtchen, kaum den Rest des Ordens.»
 


Dieser bestimmt zutreffenden Feststellung entgegen steht jedoch die Begegnung mit Abtprimas em. Notker Wolf im Kloster St. Ottilien. Wolf war von 2000 bis 2016 der Abtprimas der Benediktiner – und somit der höchste Repräsentant von heute rund 20 000 Mönchen, Nonnen und Schwestern. Die ausführlichen Gespräche zwischen Rumiz und Wolf dauern nahezu einen ganzen Tag. Einige spezifische Fragen und Antworten gibt das Buch im zweiten Kapitel wieder – überschrieben mit dem Titel «Hopfen und Weihrauch – St. Ottilien in Deutschland».

Wo Rumiz bei manchen Mönchen eine Beschränkung auf das eigene Kloster diagnostiziert, da findet er in Notker Wolf einen Mann, den er als «einen Riesen» bezeichnet. Über den Astrophysiker Claudio Cumani haben sich Rumiz und Notker Wolf im Missionskloster St. Ottilien getroffen und ausführlich ausgetauscht.
Rumiz: «Verraten Sie mir, mein guter Abt, wie wir all das verstehen sollten; wir, die wir die Orientierung und jegliche spirituelle Verankerung verloren haben und uns von Rattenfängern ködern lassen, die mit unserer Angst spielen?»
Wolf: «Ganz einfach. Benedikt hat die Arbeit geheiligt und ein revolutionäres System des Zusammenlebens geschaffen; eine Gemeinschaft von Menschen auf der Suche nach Gott, deren Zusammenleben von klaren Regeln und einer spirituellen Vater-Figur, dem Abt, dominiert wird. Benedikt verlangt viel von ihnen, viel zu lesen – also überhaupt lesen zu können – aber auch den Boden zu bearbeiten. Ein Mönch ist jemand, der sich von der Arbeit seiner Hände nährt. Gewiss, er ist auch im Göttlichen verankert, jedoch kein Mystiker. Die Mönche sind praktische Menschen, die fähig sind, Tiere auf die Weide zu bringen; und sie sind erfahren im Gemeinschaftsleben. Der Heilige Benedikt ist Einsiedlern gegenüber kritisch, sie sind zu einsam, um die richtige Beziehung zu Gott zu haben. Die Grundprinzipien (des benediktinischen Lebens) sind klar: Respekt vor dem Individuum, ein offenes Ohr gegenüber den Bedürfnissen der Gemeinschaft, geteilte Verantwortung.»
Rumiz fragt weiter: «Aber ihr Söhne Benedikts – wie schafft ihr es, eine Welt voller ungeduldiger und aggressiver Menschen zu illuminieren; in einer Zeit, in der nur noch der Profit zählt?» «Wie könnt ihr euch der Illusion hingeben, ein Europa zu beeinflussen, das sich keine Fragen mehr stellt und von einem Sturm zerzaust wird, der an unseren Grundfesten rüttelt?»
Wolf: «Zu den Führungspersönlichkeiten, die mich einladen, sage ich immer wieder: Schafft eine Atmosphäre des Dialogs, nicht der Angst. Hütet euch vor Ja-Sagern und einsamen Entscheidungen. Zentralismus ist tödlich; er befiehlt, anstatt zu dienen. Das sollte man auch in Bruxelles verstehen ...»

Die Reise geht weiter: Im Kloster Viboldone rollt Rumiz den Faden geduldig auf; im Südtirol – in der Abtei Muri Gries – tauscht sich der Reiseschriftsteller besonders mit P. Urban aus, dem Maestro der Orgel. Eine frappante Erklärung zitiert Rumiz in diesem Zusammenhang: «Seitdem man die Lateinische Sprache abgeschafft hat, sind offenbar auch in den Klöstern die hohen Tonlagen verschwunden, die den Mönchen vor allem beim gregorianischen Choral auf geheimnisvolle Weise neue Energie schenkten. Alfred Tomatis, ein Erforscher der menschlichen Stimme, war der Meinung, dass mit der Senkung der Tonlage auch in den Klöstern Depression und Müdigkeit eingekehrt seien und so deren Untergang besiegelt hätten.» Was meinen wohl die Betroffenen zu solchen Erklärungen?

Ehemalige und weiterhin aktive Abteien und Klöster warten auf den neugierigen Besucher Rumiz. In Italien verbringt er viel Zeit in der Abtei Marienberg im Südtirol, in Camerino (Marche) und auf einer berühmten Insel bei Venedig: im Kloster San Giorgio Maggiore. In der Schweiz besucht er einzig die weltberühmte Bibliothek des Klosters St. Gallen und lässt so wichtige Abteien wie Einsiedeln, Engelberg oder Disentis aussen vor. In diesen Klöstern hätte Rumiz sich mit der spannenden Thematik der Ausbildung, der Schulung Jugendlicher, auseinandersetzen können. Ein Kapitel, das unbedingt zu einer Vielzahl von Benediktinerklöstern gehört.

Spannend wird es dennoch in Frankreich – in Citeaux oder in Saint-Wandrille, wo Rumiz dem «Dämon des Mittags nachspürt». Die belgische Abtei Orval fasziniert nicht bloss wegen ihrer berühmten Brauerei – selbst die Schwalben werden dort zu gewichtigen «Gesprächspartnern». Altötting, Niederalteich und Göttweig sind weitere attraktive Stationen auf dem Weg des Reiseschriftstellers nach Ungarn. Der Donau über lange Strecken folgend, landet Rumiz im Benediktinerkloster Pannonhalma. Das Kapitel ist überschrieben mit «Die Horde und die Steppe – Pannonhalma, Ungarn». Irgendetwas beunruhigt den Autor – so bekennt er zu Beginn dieses Kapitels. Auf den folgenden Seiten setzt er sich engagiert mit dem Thema der Massenmigration auseinander. Klare Worte und entschiedene Stellungnahmen prägen diesen Teil des Buches. Rumiz nähert sich Pannonhalma und bekennt: «Den lieben Gott nehme ich hier nicht wahr – vielmehr einen phänomenalen Appetit auf Raum und Horizonte. Land, Land, Land. Aber nicht das Land, mit dem sich die Mönche in Praglia oder Citeaux die Hände schmutzig machen.» «Von allen Klöstern, die ich bisher besichtigt hatte, ist dies das pompöseste. Ich habe den Eindruck, es steht seit einem Jahrtausend da, um seine Herrschaft über das Land zu feiern, nicht um Seelen zu lenken.»

Rumiz präsentiert mit seinem Buch «Der unendliche Faden» also keineswegs nur Lobeshymnen über die Benediktinerklöster oder deren Mönche. Er findet deutliche Worte in seiner Suche nach den Wurzeln eines offenen, barmherzigen und in die Zukunft gerichteten Europas: Obwohl er diese Wurzeln in den Klöstern der Benediktiner findet, weiss er gut zu unterscheiden zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das zeichnet dieses «wunderbare Buch» («Osservatore Romano») tatsächlich aus. Die italienische Zeitung «La Repubblica» resümiert: «Das Mönchtum war stets von einem Hauch Gegenkultur durchdrungen und stand im stummen Widerspruch zur herrschenden Ordnung»: Wo das aktuell vielleicht weniger der Fall ist, hält Rumiz seinen Finger drauf.

 

Paolo Rumiz, Der unendliche Faden. Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas. Folio Verlag 2023. ISBN 978-3-85256-805-8, 240 Seiten.


Pater Markus Muff OSB


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