Symbolbild. (Bild: Nathan Anderson/Unsplash)

Pro Life

«Der Ein­satz für schutz­be­dürf­tige Men­schen geht uns alle etwas an»

Jähr­lich am 21. März fin­det der Welt-​Down-​Syndrom-​Tag statt. Er ist Men­schen mit Tri­so­mie 21 gewid­met, wie das Syn­drom medi­zi­nisch kor­rekt heisst. Neun von zehn Kin­dern, bei denen vor der Geburt das Down-​Syndrom fest­ge­stellt wird, wer­den heute abge­trie­ben. Dabei haben Kin­der mit Tri­so­mie 21 heute deut­lich bes­sere Lebens­chan­cen als frü­her. Der Ver­ein «hope21» möchte Fami­lien unter­stüt­zen, die ein Kind mit Tri­so­mie 21 haben oder erwar­ten. Ursula Baum­gart­ner von Zukunft CH sprach mit Jérôme Schwy­zer, dem Vize­prä­si­den­ten von hope21.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf «Zukunft CH»

Seit wann gibt es den Verein hope21 und wie ist die Idee entstanden, ihn zu gründen? Was ist die Vorgeschichte?
Jérôme Schwyzer: Den Verein gibt es nun seit vier Jahren. Die Idee ist entstanden, als ich an einer Konferenz des «March for Life» in den USA ein Referat von Rick Smith, Gründer von hopestory, gehört habe. Er hat voller Enthusiasmus von seiner Arbeit (für Eltern, die ein Kind mit Down-Syndrom erwarten, Anm. d. Red.) erzählt und ich wusste sofort: So etwas brauchen wir dringend bei uns in der Schweiz. Und so hat unsere Reise begonnen.

Was zeichnet Kinder mit Trisomie 21 aus?
In erster Linie ihre Ehrlichkeit und Zuneigung. Sie zeigen keine Berührungsängste, sagen immer unverblümt, was sie denken. Bei Familien, die ein solches Kind haben, spüre ich immer eine grosse Bodenhaftung, eine Ruhe, eine tiefe Gelassenheit gegenüber vielen Dingen. Denn eines lehrt ein Leben mit einem solchen Kind: Es geht nicht immer, wie man sich das vorstellt – und das ist gut so.

Was sind die grössten und häufigsten Sorgen, die die Familien an den Verein herantragen? Wie nehmen Sie ihnen diese Sorgen?
Viele Eltern wenden sich während der Schwangerschaft an uns, kurz nachdem sie die Diagnose Down-Syndrom für ihr Kind erhalten haben. Es sind oft sehr nachvollziehbare Ängste und Sorgen, denn man weiss nicht, was auf einen zukommt und ob man das schafft. Viele Anfragen haben wir aber auch von Eltern, die schon seit einiger Zeit mit einem Kind mit Down-Syndrom leben. Sie haben zum Beispiel medizinische Fragen oder Fragen, die ganz konkret den Alltag betreffen.

Welche Hilfe kann der Verein den Familien bieten?
Unsere HopeFamilies geben Einblick in ihr Leben mit einem Kind mit Extrachromosom. Eine Diagnose ist oft – wie erwähnt – ein Schock. Das wissen unsere HopeFamilies, denn ihnen ging es oft genau so. Doch den Einblick, den die Familie gewinnt, kann nicht nur helfen, Ängste und Sorgen direkt anzusprechen, sondern sie auch abzubauen. Der Einblick in einen Familienalltag führt oft dazu, dass die Rat Suchenden sagen: Das ist zwar anders, aber auch nicht so anders, als wir uns das vorgestellt haben.

Wer sind die HopeFamilies?
Die HopeFamilies sind das Herzstück unseres Vereins. Sie alle haben selbst ein Kind mit Down-Syndrom. Sie helfen konkret weiter, in dem sie ihre Türen und Herzen öffnen und ihr Leben mit anderen teilen. Aktuell zählen wir knapp 40 HopeFamilies, gut verteilt auf die ganze Schweiz.

Wie können betroffene Familien Kontakt aufnehmen?
Betroffene Familien haben verschiedene Möglichkeiten, mit uns in Kontakt zu treten. Wir möchten diese verschiedenen Kanäle bewusst öffnen, sodass jeder sich auf die Art und Weise bei uns melden kann, die passt. Man kann uns über die Hotline telefonisch erreichen, aber auch via WhatsApp. Die häufigste Kontaktmöglichkeit ist aber über die Homepage. Dort kann man eine HopeFamily aussuchen, die dann innerhalb von 24 Stunden mit einem in Kontakt tritt.

Wie vielen Familien konnte bereits geholfen werden?
Wir konnten in den letzten Jahren bereits über 40 Familien unterstützen, gut ein Viertel davon bereits während der Schwangerschaft. Wir sind jedoch überzeugt, dass unsere Arbeit einen viel grösseren Einfluss hat, als wir uns vorstellen können. Durch unsere Homepage, die zahlreichen Beiträge rund um das Leben mit Trisomie 21 und unsere Vereinszeitschrift «hope21 news» bieten wir vielen ein «Fenster», durch welches man ein wenig in verschiedene Leben sehen kann. Wir glauben, dass hiervon viel Ermutigung ausgeht.

Alle Vorstandsmitglieder von hope21 haben selbst ein Kind mit Trisomie 21 – ausser Ihnen. Warum ist Ihnen die Arbeit dort trotzdem ein Anliegen?
Ich denke, es ist falsch zu sagen, dass man sich für Menschen mit Down-Syndrom nur dann einsetzen kann, wenn man selbst jemanden in der Familie hat. Der Einsatz für schutzbedürftige Menschen geht uns alle etwas an. Und ich bin einfach überzeugt, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat. Dass rund 90 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom das Licht der Welt nicht erblicken, erachte ich als einen grossen Verlust und ein Unrecht. Hier möchte ich – gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen und den HopeFamilies»– konstruktive und konkrete Hilfe anbieten.

Welche Geschichte hat Sie im Laufe der Zeit bei hope21 am meisten beeindruckt?
Daniel Kehlmann, einer meiner liebsten Schriftsteller, hat einmal geschrieben: «Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiss nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fliessen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.» Was ich damit sagen will: Es ist nicht die eine Geschichte, sondern die vielen beglückenden Begegnungen, die ich in den letzten vier Jahren machen durfte. Die Kontakte mit Familien, die mit einem Kind mit Down-Syndrom leben, haben nicht nur meinen Horizont erweitert, sondern waren und sind ein Segen für meine ganze Familie. Und dafür bin ich von Herzen dankbar.
 

Originalbeitrag auf «Zukunft CH»
 

Mehr Infos zum Verein unter hope21.ch


Stiftung Zukunft CH


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