Papst Franziskus wird kurz vor der Abschlussmesse der Weltbischofssynode im Rollstuhl von Sankt Marta in den Petersdom geführt. (Bild: Franz Xaver von Weber)

Kommentar

Ortho­do­xie und Ortho­pra­xie sind deckungsgleich

Ich habe nach­ge­dacht. Bereits zeich­net sich die Unei­nig­keit ab in der Art und Weise, wie das neue Doku­ment «Fidu­cia supp­li­cans» ein­ge­ord­net und umge­setzt wird. Die Palette reicht von der wohl­wol­len­den Inter­pre­ta­tion des «Neuen Anfangs» über die per­mis­sive Stel­lung­nahme Bät­zings bis zum gänz­li­chen Ver­bot sol­cher Seg­nun­gen in der Erz­diö­zese von Astana.

Letzteres kommt einer Kassierung des neuen Dokumentes des «Dikasteriums für die Glaubenslehre» gleich, weil man in Astana in «Fiducia supplicans» einen Bruch mit der beständigen Lehre der Kirche und mit ihrer bisherigen zweitausendjährigen pastoralen Praxis sieht bzw. weil man objektiv sündige Verhältnisse nicht segnen will noch kann.

Einzelpersonen durften immer gesegnet werden, wenn ihre innere Disposition entsprechend war. Da gemäss «Fiducia supplicans» homosexuelle Verbindungen oder Konkubinate (sog. irreguläre Beziehungen) liturgisch nicht gesegnet werden können, um sie nicht mit der Ehe zu verwechseln oder in Bezug ihrer unveränderten Bewertung keine Verwirrung zu stiften, dürften logischerweise solche Paare überhaupt nicht gesegnet werden, auch nicht mit einer Art heruntergestuftem Segen nach «erweitertem Verständnis». Man kann nicht ein Paar segnen, aber nicht ihre Verbindung, ein Paar segnen, aber nicht ihre objektiv sündhafte Lebensweise «konvalidieren» (vgl. FS), wie das versucht wird. Das sind Klimmzüge, die in der Praxis nie aufgehen. Das Gegenteil wird der Fall sein. Die Presse hat die entsprechenden fetten Titel bereits hinausgeblasen. Sie zeigen, wie die Sache an der Basis ankommt.

Das sogenannte Lehramt des Franziskus, das als etwas Neues und noch nie Dagewesenes im Gegensatz zur Tradition vorgestellt wird, ist eine unsinnige begriffliche Neuschöpfung von Kardinal Fernández, denn Päpste sind wie die Bischöfe Hüter der Lehre der Kirche und ihrer ungebrochenen Tradition. Wahrheiten sind eben ewig und ändern sich nicht mit dem Zeitgeist. Anders herum: Päpste und Bischöfe bringen nichts Eigenes, sondern legen den beständigen Glauben der Kirche aus auf der Linie der Tradition, ohne mit ihr zu brechen. Es bleibt also dabei, dass eine sündige Praxis und Verbindung nicht gesegnet werden kann, weil sie der Schöpfungsordnung bzw. dem Willen Gottes widerspricht und in einem solchen Fall der Segen weder fruchtbar gespendet noch empfangen werden kann (vgl. die Begründung im «Responsum ad dubium» der «Kongregation für die Glaubenslehre» über die Segnung von Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts aus dem Jahr 2021 unter Kardinal Ladaria). Das hat die Kirche immer so gelehrt. Segnungen ohne die rechte innere Disposition des Spenders und des Empfängers sind wirkungslos, weil Segnungen nicht ex opere operato wirken wie die Sakramente. Sie sind Sakramentalien. Diesbezüglich gibt es kein neues, erweitertes Verständnis, nur falsche Behauptungen. Im bisherigen Verständnis gibt es keinen Segen erster (liturgisch) und zweiter Klasse (spontan) durch die Priester. Ist die rechte innere Disposition in unserem Kontext aber gegeben, versuchen diese Personen umzukehren, eine objektiv sündige Praxis (Konkubinat und sexuelle Interaktion) aufzugeben und zu korrigieren. Dazu können sie den Segen empfangen für das Wachstum in der Gnade und für das Gelingen ihrer moralischen Anstrengungen und ihrer nächsten Schritte in die gute Richtung, aber nicht als Paar wegen der Missverständlichkeit und Unmöglichkeit eines solchen Segens. «Der HERR schenke Dir rechte Einsicht, bestärke Dich im Guten und festige Dich in Deiner Entscheidung, Seine Gebote zu halten. Er begleite Dich in Deiner Umkehr mit Seiner Gnade!» Alles, was über das Gesagte hinausgeht, ist Sophistik und hält nicht an der Lehre der Kirche fest, sondern unterspült sie. Es geht hier um Theologie, nicht um Psychologie. Die Kirche kann sich durch die Zeiten nicht selbst widersprechen, sondern wächst im Verständnis der Offenbarung. Die negative Bewertung der Homosexualität gehört zur letzteren.

Und noch etwas: Jedes Handeln ist theoriegetränkt. Orthodoxie und Orthopraxie dürfen deshalb zueinander nicht in eine gegensätzliche bzw. widersprüchliche Position gebracht werden, wie man das seit dem Konzil und in diesem Pontifikat ständig tut. Als ob ein Widerspruch zur Lehre in der pastoralen Praxis (2 plus 2 gleich 5) gerechtfertigt, ja sogar geboten wäre, weil die (Lebens-) Wirklichkeit angeblich über der Idee (Lehre) stünde. (Ein unsinniges Prinzip, denn Ideen verändern die Wirklichkeit, übersetzen sich ins Handeln, haben sich oft als revolutionär erwiesen, indem sie die sogenannte Lebenswirklichkeit umstürzten; Ideen gehören zur Wirklichkeit und sind höchst wirksam in der Praxis; kein Handeln ohne Theorie). Orthodoxie und Orthopraxie sind deckungsgleich oder sie verdienen den Namen nicht. Sie heben sich nicht gegenseitig auf. Wo sie Letzteres tun, sind wir bei der Häresie und Spaltung der Kirche angekommen, bei ihrer Selbstauflösung durch die Praxis. Das ist keine Reform und auch kein Segen.


Bischof em. Marian Eleganti


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    John Henry 23.12.2023 um 16:12
    Vielen Dank. Das Dokument kann man als Bischof und Priester nicht befolgen ohne schlechtes Gewissen, wenn keine Haltung der Busse und Gottesfurcht vorhanden ist. Die Unterscheidung von einem “Paar” und einem “Ehepaar” ist künstlich, verwirrend und unehrlich. Im Deutschsprachigen Raum kann es jedoch sogar helfen, weil gefallene Bischöfe viel weiter gehen wollen und dies nun nicht ohne Ungehorsam tun können 🤣.
  • user
    Gabriela Ulrich 21.12.2023 um 16:29
    Athanasius Schneider, Weihbischof von Erzdiözese Astana hat Papst Franziskus darum gebeten "Fiducia supplicans" zuwiederrufen. In der Schweiz hat bis heute kein Diözesanbischof Einwand gegen "Fiducia supplicans" in Rom eingelegt und das muss uns zu denken geben. Ein Verbot gegen Segnungen von irregulären Paare und gleichgeschlechtliche Paare wurde von Diözesanbischöfe in der Schweiz nicht ausgesprochen. Somit liegt den Diözesanbischöfe in der Schweiz nichts an den Schafen. Als Sittenwächter sind sie ihrer Aufgabe in keiner Art und Weise nachgekommen. Segnungen von Paaren in einer irregulären Situation und von gleichgeschlechtliche Paaren geht auf die gottlose "Gender-Ideologie". Solche Segnungen schaffen immer Verwirrung. Eine Neuevangelisierung ist so unmöglich. Die Kirchen werden sich weiter entleeren.

    "Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten". Glaube - im Sinne des Evangelisten Johannes - heisst den Willen Gottes tun.
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      Marquard Imfeld 21.12.2023 um 18:45
      Bischof Eleganti stellt fest: „Orthodoxie und Orthopraxie … heben sich nicht gegenseitig auf. Wo sie Letzteres tun, sind wir bei der Häresie und Spaltung der Kirche angekommen, bei ihrer Selbstauflösung durch die Praxis.“
      Dazu ist festzustellen: in den deutschsprachigen Bistümern hat sich die Praxis in vielen Belangen vom gültigen Glauben gelöst. Die verantwortlichen Bischöfe, v.a. von St. Gallen und Basel, haben diesen Prozess toleriert und sind deshalb für das so entstandene Schisma in den Bistümern mitverantwortlich.
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      Hansjörg 24.12.2023 um 12:05
      Darf ich daran erinnern, dass das Schweizer Volk am 26. Sept. 2021 der Ehe für alle mit grossem Mehr zugestimmt hat.
      So bin ich froh, dass staatliche Regeln höher zu gewichten sind als religiöse Regeln.
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        Michael 30.12.2023 um 11:07
        Auch am Karfreitag war die staatliche Macht stärker als die angenagelten Hände und Füsse.

        „Und doch hat die Weisheit durch alle ihre Kinder Recht bekommen.“ (Lk 7,35)
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    Daniel Ric 21.12.2023 um 06:44
    Ich finde den Gedanken sehr wichtig, dass Ideen die Wirklichkeit verändern. Menschliches Handeln findet tatsächlich nie in einem Vakuum statt, sondern ist durch Theorie beeinflusst. Deshalb war und ist es wichtig, dass die Kirche Ideale hochhält und verteidigt. Ich möchte aber noch einen differenzierteren Blick auf das Verhältnis von Theorie und Handeln werfen, der mir in dieser Diskussion notwendig erscheint. Ein Argument, welches immer wieder von Befürwortern einer neuen Sexualmoral ins Feld geführt wird, ist die Diskrepanz zwischen der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen und den Idealen der Kirche. Tatsächlich ist es so, dass wir seit mehreren Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten, eine Diskrepanz ausmachen zwischen dem realen Leben der meisten Katholiken und den Idealen der Kirche. Und um es klarzumachen: Diese Diskrepanz besteht nicht erst seit dem Konzil und ist auch nicht einer vermeintlichen Zäsur des Jahres 1968 geschuldet, sondern das Produkt einer langfristigen Entwicklung. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass das Sexualverhalten sich bereits nach dem zweiten Weltkrieg und schon vorher verändert hat. Es gibt bei den Theologen nun drei mögliche Antworten auf diesen gravierenden und offensichtlichen Unterschied zwischen Theorie der Kirche und Praxis der meisten Menschen. Eine Möglichkeit ist, dieser Abweichung von den Idealen keine Beachtung zu schenken und weiterhin die Ideale der Kirche zu verkünden, dies in der Hoffnung, dass dies langfristig zu einer Umkehr der Gesellschaft führt. Eine andere Möglichkeit ist, die Ideale der Kirche der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen anzupassen, was von den sogenannt progressiven Theologen gefordert wird. Eine dritte Möglichkeit ist, einen Spagat zu schaffen, indem man einerseits die Ideale weiter vertritt, jedoch pastorale Wege sucht, um diejenigen Menschen, die sich aufgrund ihrer Lebenswirklichkeit von der Kirche entfernt haben, wieder zum Glauben zurückzuführen. Es ist offensichtlich, dass Papst Franziskus ein Befürworter dieses Weges ist. Dieser Weg beinhaltet grosse Gefahren und wird nicht zu einer grösseren Popularität der Kirche führen, da es erstens diejenigen, die eine Veränderung der Morallehre wünschen, nicht befriedigt und zweitens die Menschen verärgert, welche sich eine klare Lehre wünschen. Obwohl ich selber auch finde, dass die Gefahren dieses Weges den möglichen Nutzen übersteigen, finde ich es falsch, Papst Franziskus oder das Konzil für das grundlegende Problem - die Diskrepanz zwischen der Lebenswirklichkeit der Menschen und den Idealen der Kirche - verantwortlich zu machen. Wir müssen ehrlich konstatieren, dass es die Kirche in den letzten Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten nicht geschafft hat, die Mehrheit der Menschen von ihren Idealen zu überzeugen. Das Problem erkenne ich in einer einseitigen Auslegung des Wortes Theorie, wie es von Bischof Marian in seinem Text verwendet wird. Theorie bedeutet dem griechischen Ursprung nach "Anschauung". Texte, Gebote und Satzungen sind nur ein Teil der Theorie, aber nicht deren Mittelpunkt. Der Mittelpunkt der Theorie bilden überzeugende Beispiele von Menschen, welche die Lehre der Kirche in der Praxis umsetzen. Gerade in diesen Tagen muss uns wieder klar werden, dass Christus aus diesem Grund Mensch geworden ist. Er hat uns ein Beispiel gegeben, was es bedeutet, Gottes Willen zu erfüllen. Was unseren Tagen teilweise fehlt, was bereits seit Jahrzehnten teilweise fehlt (weit vor dem Konzil), sind Menschen, welche die Ideale der Kirche im Alltag leben und zeigen, dass dieses Leben zur Fülle führt. Teilweise schreibe ich deswegen, weil es sehr positive Beispiele von solchen Menschen gibt, jedoch in einer zu geringen Anzahl, um eine Umkehr der Gesellschaft herbeizuführen. Hinzukommt, dass diese Beispiele der Öffentlichkeit zu wenig bekannt gemacht werden, sogar unter den Katholiken. Persönlich bin ich fest davon überzeugt, dass das Handeln nach Gottes Geboten den Menschen zum Glück führt. Die Tatsache, dass so viele Menschen heute in der sexuellen Libertinage unglücklich sind und sogar einen regelrechten Hass gegen ihren Leib entwickeln, beweist, dass dieser Glaube richtig ist. Werden wir also zu einer Theorie für unsere Mitmenschen, zu einer Anschauung, indem wir im Alltag den christlichen Idealen treu bleiben. Dies ohne hochmütig auf die Menschen herabzublicken, welche die Ideale nicht verwirklichen können, sondern in Demut, Freude und einer tiefen Nächstenliebe gegenüber allen Menschen.
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      Martin Meier-Schnüriger 21.12.2023 um 12:19
      Grundsätzlich einverstanden. Nur würde ich nicht von den "Idealen der Kirche" sprechen, da dieser Begriff leicht unverbindlich klingt und den Eindruck erweckt, als seien die Gebote Gottes eben nur Ideale, die man zwar anstreben, aber letztlich doch nicht verwirklichen könne. Wir müssen klar sehen: Die Botschaft Jesu Christi war und ist nie "mehrheitsfähig"; sie dazu machen zu wollen bedeutet, sie zu verwässern. "Fiducia supplicans" ist ein Paradebeispiel einer solchen Verwässerung: Man will den Fünfer und das Weggli, und das geht nun einmal nicht.
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        Daniel Ric 22.12.2023 um 05:47
        Ja, dieser Hinweis ist richtig. Die Gebote Gottes dienen dem Menschen und sind dazu da, sie zu verwirklichen. Auch wenn viele Menschen - ich gehöre dazu - oft an den Geboten scheitern, so ist es wichtig, dass die Kirche ihre Wichtigkeit betont. Sie schränken den Menschen nicht ein, sondern befreien ihn. Und ja, die Botschaft Jesu war nie mehrheitsfähig. Fiducia supplicans ist es übrigens auch nicht, wenn man sich die Reaktionen der konservativen und der progressiven Seite anschaut. Für die einen ist es ein Bruch mit der Morallehre, für die anderen homophob. Es scheint, Papst Franziskus möchte weder den Fünfer noch das Weggli. Dass Papst Franziskus es schafft, immer wieder beide Seiten vor den Kopf zu stossen, ist sicherlich das Auffallende dieses Pontifikats.
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    Birgit Iberger 20.12.2023 um 23:18
    Bischof Eleganti argumentiert als Denker und guter Hirte.
    Seine Worte sind sehr wohldurchdacht und erhellend.
    Vielen Dank für Ihre Parrhesia!
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    Josef Ritter 20.12.2023 um 21:16
    Da stellt sich nur eine Frage, ist dieser Bergoglio wirklich ein Papst?
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      Anònymus im Zeitalter der Freien Rede 22.12.2023 um 14:39
      Sehr geehrter Herr Ritter,

      ich werde die Antwort jetzt und hier nicht geben.
      Sie besitzen allerdings Angaben, die Ihnen ermöglichen, die Antwort selber zu geben. Rufen wir einige von ihnen in Erinnerung.

      Im vorliegenden Dokument behauptet die Glaubenskongregation, es sei ihr wichtig, keine Verwirrung zu stiften. Nehmen wir sie doch einmal beim Wort.
      Und nun fragen wir uns, ob dies, was sie so gerne möchte, auch wirklich geschieht. Und wenn es nicht geschieht, konnten die Autoren dies wohl vorhersehen? Schritt für Schritt folgernd?

      Würde ein Priester ein Paar segnen, würde er nicht isolierte Einzelpersonen segnen; vielmehr segnete er auch die Beziehung, die sie verbindet, sonst könnten wir uns die Vokabel "Paar" ganz einfach sparen. Die Präambel des Dokuments verwendet sie.
      Wenn nun die Kirchenspitze die Priester ermutigt, solche Segnungen zu vollziehen, dann werden entweder Paare gesegnet werden, die die Sünde des Ungehorsams gegenüber der Kirche (und evtl. weitere Sünden) zu begehen beabsichtigen, oder aber es werden - theoretisch! - Fälle vorkommen, wie sie Bischof Marian eben hier dargestellt hat: Zwei Freunde könnten etwa den Segen für ihre Versöhnungswege erbitten und also von der Sünde umkehren oder überhaupt in keiner Weise sündigen und sich nur im Guten bestärken lassen wollen, für diesen Zweck um den Segen für ihre Freundschaft bitten und die allerbesten traditionell katholischen Absichten hegen. Also Frage unentschieden, Vatikan sibyllinisch oder wem's gefällt überparteilich. Soweit der schöne Schein.
      Nun lese man aber zum Beispiel einmal einen gewissen Herrn Bergoglio im Originalton: In einem Interview vom 5.8.23 mit Jesuiten in Lissabon sagt er, durchaus im Zusammenhang mit der Frage des VI. Gebotes (nach katholischer Zählung), wer Menschen zu einem Verhalten anhalte, zu dem sie nicht reif oder fähig seien, sei "oberflächlich und naiv".
      Das heisst, die Autoren von diesem famosen Fiducia-Dokument agieren nach päpstlicher Diktion entweder antikatholisch oder aber oberflächlich und naiv. Damit ist als Mitautor des Schreibens natürlich Bergoglio selber auch gemeint. Entweder antikatholisch oder oberflächlich und naiv. Nach eigener Aussage. Schön wäre das Letztere. Leider ist es dieses nicht. Messerscharf werden Sie den Schluss ziehen können: Das Erstere bleibt übrig.

      Aber Halt, nichts Neues unter der Sonne! Gleich ist es doch schon bei Amoris Laetitia gelaufen. Das Dokument tut so, als gelte die katholische Lehre. Und das Schreiben Bergoglios an die argentinische Bischofskonferenz, nach der Veröffentlichung von Amoris Laetitia, lobt genau deren Versöhnungsweg, auf welchem öffentliche Ehebrecher zur Kommunion zugelassen werden, natürlich in sogenannten Einzelfällen, also nur ungefähr wenn gerade schönes Wetter ist und eine Herde Elephanten vorbeiläuft. Das Problem ist lediglich, dass irgendwo auf Erden gerade schönes Wetter ist und dass auch irgendwo auf Erden eine Herde Elephanten vorbeiläuft. Wir müssen nur den Ort, wo es geschieht, mal gedanklich etwas ausdehnen, sagen wir bis auf die Oberfläche des Planeten, nur die Begriffe lang genug verästeln, und als unrealistisch sei gewiss mit grösstem Recht ein jeder bezeichnet, der das den Herren Jesuiten nicht zutraut.

      Etwas schrecklicher war es noch bei Abu Dhabi 2017 bzw. Kasachstan 2022: Dort widerspricht die Argumentation der schriftlich fixierten Dokumente direkt dem II. Vatikanum, dem Konzilsdokument Nostra Aetate. Nostra Aetate legt fest, dass die Kirche ihren Herrn Jesus Christus verkündigen müsse, weil Er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.
      Nostra Aetate schreibt bekanntlich weiter, dass die katholische Kirche nichts von alledem ablehne, was in anderen Religionen wahr und heilig sei, und dass die Kirche deswegen diese Religionen hochachte. Es gibt also einen Massstab für die Akzeptabilität von Religionen, wie wohl von allen Denksystemen und Lehren, dieser Massstab heisst "Wahrheit und Heiligkeit". Was schreibt und lehrt statt dessen Bergoglio? Die Religionen hätten sich gegenseitig zu tolerieren, weil Gott die Menschen so tolerant erschaffen habe. Also nichts von "gut, weil das, was du sagst, wahr ist", sondern statt dessen "wir haben uns lieb, weil Gott uns so lieb geschaffen hat". Dass daraus theoretisch zwingend folgen müsste, dass wir auch Satanismus tolerieren, ist nur eine kleine Ausbeute der traurigen Analyse. Weit schwerer wiegt, dass Bergoglio nicht nur von Toleranz, sondern ausdrücklich von Pluralismus spricht. Damit lehnt er den Massstab, eine Lehre an ihrer Wahrheit und Heiligkeit zu messen, unerbittlich ab, und zwar ist das seine oberste Priorität. Vatikanum II höre man nur, wenn es ihn nicht stört.

      Ferner behauptet er, die Lehre zu ändern, nicht erst in diesem famosen "Fiducia", sondern schon bei der versuchten Änderung des Katechismus 2018. Versuchen kann man es nämlich schon, denn Papier nimmt alles an.

      Dass er sich über all das hinaus auch noch ein paar fette Widersprüche leistet, merken wir jetzt nur am Rande an. Kann ja aus purer Liebe mal passieren. (Müsterchen gefällig? 1. Der Mann ventiliert: "Ich glaube an Gott, nicht an einen katholischen Gott, Den gibt es nicht", während von den Ikonographen in katholischen Kirchenräumen die Heiligste Dreifaltigkeit in der Mitte der gesamten Kirche gemalt worden ist, 2000 Jahre lang, aber wen kümmert's. Jetzt leben wir im Zeitalter der Erleuchtung. Bestätigt Ihnen praktisch jeder Esoteriker. 2. Der Mann versteckt und verhüllt Kreuze, um einen Imam und einen Rabbi zu empfangen, die notabene zu dem schönen Anlass Gebetsteppich und Leuchter mitgebracht haben. Aber was ist das schon, das Nichts an der Stelle von Jesus. Ist doch kein Problem. Wir sind ja unvoreingenommen. Oder? 3. Der Mann sagt einem Jungen, dessen Vater Atheist war und als solcher starb, er sei sicher im Himmel, während ein Katholik dies keinesfalls wissen kann, sondern nur für Getaufte und Bussfertige ein besonderer Grund besteht, dies anzunehmen. Der Katholik kann allenfalls privatim darum beten, das könnte man ja dem Jungen auch sagen. Aber wer will schon kleinlich sein, der Junge brauchte Trost. Oder? 4. Der Mann verehrt Pachamama, von der er selber sagt, mit ihr sei nicht etwa Maria gemeint. 5. Der Mann kniet nicht vor der Eucharistie, dafür vor afrikanischen Fürsten, um sie "zum Frieden" zu bewegen. 6. Laut I. Vatikanum gibt es ein Charisma, das ein Papst hat, wonach er im Grossen und Ganzen daran zu erkennen ist, dass der Heilige Geist und der Heilige Petrus aus ihm sprechen. Einfältige Gemüter könnten nun den Schluss wagen: Entweder gilt das I. Vatikanum, oder Bergoglio ist der Papst. Einfache Gemüter, wohlgemerkt.)

      Selbstverständlich darf die Sache aber kein System haben. Nur möglicherweise für Katholiken. Aber wer will schon hören, was die sagen. Mit Papstkritik können die doch nichts zu tun haben, oder? Zu diesem Problem ist nur noch zu sagen, dass es eigentlich Momente gibt, wo jeder Katholik Ihre Frage beantworten kann, und dann ist jeder Katholik auch verpflichtet, so gut als wie er eben kann aufzustehen.

      Schliesslich haben wir noch eine Literaturempfehlung: Colonna, Marcantonio, Der Diktator Papst, aus dem Innersten seines Pontifikats. Bad Schmiedeberg, 2018.

      Nein, ich werde jedenfalls die Antwort auf Ihre Frage nicht geben. Denken können Sie selbst.
      Fröhliche Festtage.